Provinzhauptstadt in Händen der Islamisten

Bergfeld: Hilfsverein Katachel ist in Kundus von Taliban umzingelt

Konflikt in Afghanistan.
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In Kundus tobten in den vergangenen Tage Kämpfe. Die Taliban haben mittlerweile die Macht ergriffen.
  • Hilke Bentes
    VonHilke Bentes
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Kundus/Bergfeld – Schüsse, Rauch, Krieg: Die Lage im afghanischen Kundus hat sich am Wochenende zugespitzt. Am Sonntagmorgen (8. Juli) meldete die Deutsche Presseagentur: Die militant-islamistischen Taliban haben die nordafghanische Provinzhauptstadt eingenommen. Dort also, wo der Bergfelder Verein Katachel schon seit mehr als zwanzig Jahren humanitäre Hilfe leistet. Die Vorsitzende Sybille Schnehage, die von Bergfeld aus ständigen Kontakt zu ihren Mitarbeitern im Kriegsgebiet hält, spricht gegenüber dem IK über die aktuelle Lage in der Stadt.

Die wichtigsten Regierungseinrichtungen seien gestern von den Islamisten erobert worden, nachdem bereits in den vergangenen Tagen mehrere Provinzhauptstädte fielen. „Ich habe am Samstag quasi den ganzen Tag live den Krieg mitbekommen“, sagt Schnehage. Unentwegt habe die Bergfelderin mit ihren in Kundus lebenden Mitarbeitern Austausch gehalten und darüber hinaus die angespannte Lage in den sozialen Medien – durch Facebook und What´s-App – verfolgt. Ganz nah an die Gebäude des Hilfsvereins kamen Schießereien und der Rauch, der von Kämpfen auf den Straßen herrührte. „Das Bürogebäude befindet sich ein wenig oberhalb der Stadt“, erklärt Schnehage. Damit bot sich den Hilfsvereinsmitarbeitern der komplette Anblick des Schreckens. Sie alle befänden sich im Moment in Sicherheit und hätten sich im Büro versammelt, so Schnehage.

„Es ist schon sehr dramatisch“, so die Vorsitzende. Doch in Panik würde sie noch nicht verfallen: Die Entwicklung käme nicht überraschend. Auch die Straße, die zu dem Bürokomplex führe, sei bereits von Taliban besetzt. „Meine Mitarbeiter sind in Gesprächen mit den Anführern der Islamisten.“

Schnehage war Anfang Juni noch selbst in Kundus vor Ort. „Ich wusste, dass es mit der letztmögliche Zeitpunkt sein würde, um dort hinzureisen.“ So habe sie die Möglichkeit des wieder freigegebenen Reisepasses (das IK berichtete) genutzt. Der Abzug der Bundeswehr und weiterer US-Truppen hatten bei ihr bereits eine böse Vorahnung hinterlassen. „Die Machtergreifung überrascht mich daher auch nicht, es war nur eine Frage von Wochen.“ Die Menschen vor Ort seien ebenfalls auf das Unvermeidliche vorbereitet gewesen.

Wie sich die kommenden Tage in Kundus entwickeln werden, das müsse nun abgewartet werden. „Für meine Mitarbeiter wird es jetzt erst einmal wie gehabt weitergehen“, sagt die Bergfelderin. Die aktuelle Hilfsgüterverteilung müsse allerdings jetzt verdeckt weitergehen, das sei ein Problem. „Es geht nur in kleinen Portionen voran.“

Auch vor Räubereien fürchtet sich Schnehage. Und sie nennt ein weiteres Problem: „Junge arbeitslose Männer von den Dörfern werden sich nun allzu leicht den Taliban zuwenden, da ihnen weiterhin die Perspektive fehlt.“ Dabei würden in den kommenden Wochen auch keine politischen Verhandlungen helfen. „Dieses Problem prangere ich schon seit vielen Jahren an, doch die Politik schweigt. So lange durch die anhaltende Armut die Zukunftsperspektiven fehlen, wird in Afghanistan kein Frieden einziehen.“

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