Afghanistan: Corona-Situation bereitet Hilfsorganisation Sorgen

Keine Beatmungsplätze in Kunduz

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Viele vom Bergfelder Hilfsverein unterstützte Frauen im Kunduz tragen Mundschutz. Aber nicht alle Menschen können sich dort diese Hygienemaßnahmen leisten.

Bergfeld/Afghanistan – Die Corona-Krise ist eine weltweite Pandemie. Das Virus breitet sich auch in anderen Ländern weiter aus.

In Afghanistan gibt es bisher 423 bestätigte Corona-Fälle, 14 Menschen sind laut dem „European Centre for Disease Prevention and Control“ an dem Virus gestorben. Sybille Schnehage geht von einer Dunkelziffer aus, die nicht annähernd mit den offiziellen Statistiken übereinstimmt. Als Vorsitzende des Bergfelder Hilfsvereins Katachel betreut sie verschiedene Hilfsprojekte in Afghanistan und kennt die Situation vor Ort.

Sybille SchnehageVorsitzende Hilfsverein Katachel

„Die offiziellen Zahlen sind beruhigend“, erklärt Schnehage gegenüber dem IK. Aber sie schätzt, dass die Ausbreitung des Virus damit nicht annähernd realistisch dargestellt werden kann. Gerade in der westlichen Region des Landes seien seit Januar viele Rückkehrer zurückgekommen. „Besonders in den Provinzen Farah und Herat halten sich viele Rückkehrer auf.“ Mehr als 60 000 Menschen mussten ihr bisheriges Zuhause im Iran verlassen. Dort seien viele Menschen an Corona erkrankt. Schnehage erklärt, dass nicht alle afghanischen, im Iran lebenden Bürger eine Chance auf Behandlung gehabt hatten. „Das iranische Medizinwesen war schon mit den eigenen Fällen völlig überlastet.“ Damit sei davon auszugehen, dass sich in Westafghanistan viele Infizierte aufhalten. „Ich denke, dass viele auf dem Weg nach Hause sind.“ In den Provinzen Takhar, Badakhshan und Mazar i Sharif seien Fälle bekannt, der Schwerpunkt liege aber in der Hauptstadt Kabul.

Für realistische Zahlen dürfe laut Schnehage nicht vergessen werden, dass bisher nur wenige Tests zu Verfügung stehen. „Das gesamte Gesundheitssystem ist unzureichend. Allein in Kunduz gibt es kein Intensivbett mit Beatmung. Die Menschen in Kunduz haben Angst vor dem unbekannten Feind“, so Schnehage.

Sie weist auf die schnelle Reaktion der afghanischen Regierung hin. „Schulen, Moscheen und Hochzeitshotels wurden geschlossen und die Bevölkerung wird durch die Medien ständig ermahnt.“ Doch die arme Bevölkerung könne sich oft die hygienischen Maßnahmen nicht leisten. „Mundschutz und Desinfektionsmittel sind einfach zu teuer.“

Da es im Land am Hindukusch kein Kranken- oder Arbeitslosengeld gebe, müssten die Menschen, die es sich nicht leisten können, weiter ihrer Arbeit nachgehen, ohne weitere Schutzmöglichkeiten treffen zu können. „Zudem leben die ärmeren Einwohner meist mit der ganzen Familie in einem Raum, was eine Verbreitung des Virus weiter ermöglicht.“

Schnehage schätzt die kommende Zeit in Afghanistan als dramatisch ein. Die Vereinsmitglieder wollen in den nächsten Wochen Hilfsgüter und Mundschutze verteilen, um den Menschen zu helfen.

VON HILKE BENTES

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