Bergfeld/Kunduz: Auswärtiges Amt untersagt Sybille Schnehage Ausreise nach Afghanistan

„Ich werde behandelt wie eine Terroristin“

+
Die Bergfelderin Sybille Schnehage war im Oktober 2015 das letzte Mal in Kunduz.

Bergfeld. Sybille Schnehage ist völlig aufgelöst, versteht die Welt nicht mehr. Seit einem Jahr war die Vorsitzende des Hilfsvereins Katachel nicht mehr in Kunduz. Nun sind die Gründe bekannt: Das Auswärtige Amt hat der Bergfelderin das Reisen nach Afghanistan untersagt – zunächst für ein Jahr.

Bereits im April erhielt Schnehage Besuch von der Polizei, die ihr mitteilte, dass sie nicht mehr nach Afghanistan ausreisen dürfe. Im September nahmen ihr die Beamten den Reisepass ab und leiteten diesen an die Samtgemeinde Brome weiter. Dort wurde die Reisepassbeschränkung für Afghanistan offiziell vermerkt. „Mir wurde gesagt, dass die Gefahr bestünde, dass ich entführt werden soll“, sagt Schnehage im IK-Gespräch.

In diesem Jahr konnten dank der Unterstützung des Vereins „Katachel“ in der Region Kunduz vier Schulen gebaut werden – ein Weg zur Hilfe in die Selbstständigkeit der Menschen.

Schnehage weiß um die gefährliche Situation im kriegsgebeutelten Land – besonders nach den jüngsten Anschlägen in Kabul. Dennoch kann sie die Entscheidung aus mehreren Gründen nicht nachvollziehen. In den vergangenen Jahren habe sie immer eine persönliche Polizeieskorte gehabt, denn die Gefahr einer Entführung sei immer allgegenwärtig gewesen. „Als ich damals vom ehemaligen Projektleiter Dadgul Delawar Morddrohungen erhalten habe hieß es nur, dass sei meine Privatsache. Na bitte, das ist es doch jetzt auch“, ist die Bergfelderin sauer. Alle dürften fahren, egal ob Journalisten oder nicht. Für die sei es doch nicht weniger gefährlich. Selbst der Gouverneur und der Botschafter hätten für Schnehages Sicherheit garantiert – was nach ihrer Aussage eigentlich Aufgabe der Bundeswehr wäre, die schließlich immernoch Soldaten in Afghanistan stationiert habe.

„Journalisten dürfen mit der Bundeswehr unterwegs sein, aber niemand, der einer Hilfsorganisation angehört“, zeigt die Bergfelderin Unverständnis. Zudem plagen sie Sorgen, wie es mit ihrem Hilfsverein weitergeht. Schnehage hat bereits Ende Oktober im IK-Gespräch deutlich gemacht, wie wichtig ihre Besuche vor Ort seien. Zweimal pro Jahr sei sie mindestens nach Kunduz geflogen. Dabei ginge es nicht nur darum, mit ihrem Team zu besprechen, was benötigt wird, sondern auch um die Abrechnungen, die bis auf den letzten Cent belegt werden müssen. Schnehage muss sich persönlich vor Ort davon überzeugen, was mit den Vereinsgeldern umgesetzt wurde.

„Die Bekämpfung von Fluchtursachen vor Ort war immer ein großes Argument der Regierung – und plötzlich darf ich nicht mehr ausreisen? Ich werde behandelt wie eine Terroristin“, ist Schnehage wütend. Ihr Verein sei mittlerweile die einzige Hilfsorganisation vor Ort. Dank ihres Projektes werden in Kunduz Schulen gebaut, erhalten Mädchen und junge Frauen eine Ausbildung zur Schneiderin, um für sich selbst sorgen zu können. „Den Menschen Möglichkeiten bieten, sich selbst zu versorgen – das ist wichtig. Und dann geht auch die Zahl der Flüchtlinge zurück“, ist Schnehage überzeugt. Genau diese Hilfe werde ihr jetzt verwehrt.

Einen Anwalt hat Schnehage bereits im April eingeschaltet, doch das zuständige Verwaltungsgericht „rühre sich nicht“. Daher heißt es für Schnehage: Warten auf eine Stellungnahme.

Von Carola Hussak

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare