Wogen sind noch nicht geglättet

Flüchtlingsunterkunft Ehra-Lessien: Unterschiedliche Ansichten zu Betreiber-Wechsel

In der Flüchtlingsunterkunft in Ehra-Lessien hat Anfang des Monats ein neuer Betreiber angefangen. Das stößt bei einigen Bewohnern auf Kritik. Die Vorwürfe weist der Landkreis Gifhorn zurück.
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In der Flüchtlingsunterkunft in Ehra-Lessien hat Anfang des Monats ein neuer Betreiber angefangen. Das stößt bei einigen Bewohnern auf Kritik. Die Vorwürfe weist der Landkreis Gifhorn zurück.

Ehra-Lessien – Drei Wochen ist es her, dass der Betreiber der Flüchtlingsunterkunft in Ehra-Lessien gewechselt hat. Das sorgte im Camp für zwischenzeitliche Unruhen (das IK berichtete). Und noch immer scheinen nicht alle Wogen geglättet zu sein.

Im IK-Gespräch schildern einige Bewohner ihre Eindrücke: Es geht um Sprachprobleme, fehlende Busfahrten, getaktete Sprechzeiten und „wenig Verständnis“. Der Landkreis Gifhorn weist die Vorwürfe und die Kritik zurück.

„Probleme im Camp-Alltag“

„Ich kann nicht mehr schlafen“, klagt ein Bewohner aus Lessien. Seit neun Monaten ist er in Deutschland. Aber die letzten drei Wochen hätten ihm zugesetzt. Bis zum Betreiberwechsel sei „alles gut“ gelaufen, sagt der Bewohner, der in der Öffentlichkeit unerkannt bleiben will. Nun aber gebe es im Camp-Alltag viele Probleme. Das neue Personal hätte einige Dinge verändert. „Und das ist nicht gut.“

Es gebe nun Sprechzeiten und Listen, in die man sich eintragen müsse. Zuvor hätte man bei einem Problem einfach zu der ehemaligen Heimleiterin gehen können. Für Menschen, die erst kurz in Deutschland seien und weder lesen noch schreiben könnten, stellen Listen ein Problem dar, sagt er.

„Wie soll das gehen?“, fragt auch ein anderer Bewohner. „Früher wurde uns immer sofort geholfen, aber nun ist das anders.“ Die Zeitfenster würden nicht immer für jeden funktionieren. Manchmal seien einige Bewohner zu der Zeit, in der beispielsweise Post ausgeteilt werden würde, gar nicht da.

Etwa zehn Bewohner berichten auch von ausfallenden Busfahrten und einer Eigenverantwortung, die nicht funktioniere. Durch die eigene Verantwortung würde es zu verpassten Terminen kommen, da sie die Post nicht lesen könnten und ihnen keiner dabei helfe. „Wir sollen uns selbst um Behördengänge kümmern. Auch um Arzttermine und Medikamente sollen wir uns selbst kümmern.“ Sie berichten von sprachlichen Problemen. Auch auf Englisch sei die Verständigung mit dem neuen Personal vor Ort „sehr schlecht“. Es gebe auch schlicht zu wenig Ansprechpartner, sagen sie. Dieses Problem sei allerdings nicht neu. Die alte Heimleiterin hätte nur vieles durch sehr großes Engagement aufgefangen. „Da haben wir uns gut aufgehoben gefühlt.“

Landkreis ist von der Kritik überrascht 

Schilderungen, die den Ersten Kreisrat Dr. Thomas Walter sehr überraschen und die er zurückweist. Denn gegenüber den Landkreis-Mitarbeitern, die einen „engen Austausch mit den Bewohnern“ pflegen würden und die sich regelmäßig vor Ort befänden, sei diese Kritik nicht geäußert worden. Außerdem gebe es vom vorherigen Betreiber keine ordnungsgemäße Übergabe: Vieles müsste neu strukturiert werden. Walter spricht von einem laufenden Prozess.

Dass es keine Fahrten zu Schulen oder Ärzten gebe, das stimmt laut Walter nicht. „Durch den ehemaligen Betreiber wurde in den letzten Monaten nahezu kein Shuttleservice durchgeführt.“ Nun würde es wieder einen regelmäßigen Shuttle-Service – zur Schule, zu Einkaufsmöglichkeiten, Apotheken oder Ärzten – zu festen Zeiten geben. „Bewohner können sich in Listen mit Fahrtwünschen eintragen.“ Walter betont, dass das System noch in der Erprobungsphase sei.

Dass es nun Sprechzeiten gebe, bestätigt Walter. Damit sei es möglich, die Bearbeitung der vielen Aufgaben sicherzustellen und zu gewährleisten, dass alle Bewohner Unterstützung bekämen. „Durch dieses Vorgehen ist auch eine konkrete Nachverfolgung der Kontakte bei Vorliegen von Corona-Fällen gewährleistet.“ Eine Anpassung sei möglich. Es würde weiterhin Post übersetzt werden und zu Not auf Übersetzungs-Apps oder auf Dolmetscher zurückgegriffen werden.

Walter erklärt, dass naturgemäß nicht alle Wünsche sofort erfüllt werden könnten. Das sei zuvor auch nicht der Fall gewesen. Nach knapp drei Wochen könnten noch nicht alle Strukturen etabliert werden. „Der neue Betreiber ist sehr bemüht, seinen Aufgaben nachzukommen.“ VON HILKE BENTES

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