100 Jahre Frauenwahlrecht – und doch sind Mann und Frau selten gleichgestellt

Brome: Fehlen Männer an Grundschulen?

Frauen stellen an Grundschulen seit Langem den Großteil des Lehrkörpers, so auch in Brome. Schulleiterin Marianne Berlinecke sieht darin keinen Nachteil und kämpft gegen Vorurteile.
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Frauen stellen an Grundschulen seit Langem den Großteil des Lehrkörpers, so auch in Brome. Schulleiterin Marianne Berlinecke sieht darin keinen Nachteil und kämpft gegen Vorurteile.

Brome – „Professionalität hat nichts mit dem Geschlecht zu tun“, sagt Marianne Berlinecke im IK-Gespräch. „Auch wenn noch immer viele das zu glauben scheinen.“ Sie ist die Leiterin der Grundschule Brome und hat nur weibliche Kolleginnen.

Erst kürzlich hätten sich noch Eltern überrascht gezeigt, weil nur Frauen an der Grundschule unterrichten. „Warum sollte das schlecht sein?“, fragt Berlinecke empört. Auch 100 Jahre nach Einführung des Wahlrechts für Frauen seien diese anscheinend in vielen Köpfen noch nicht den Männern gleichwertig.

Einen wie auch immer gearteten Angriff auf ihre Kolleginnen kann und will Berlinecke nicht so stehen lassen. „Hier unterrichten engagierte, gut ausgebildete Frauen“, erklärt sie, „und die leisten großartige Arbeit.“ Einsatz und Talent seien eben keine Attribute eines Geschlechts, sondern individuelle Eigenschaften.

Veraltete Rollenvorstellungen

Warum arbeiten dann nur Frauen in Brome? Das weiß Berlinecke auch nicht. „Da müssen sie die Männer fragen“, lacht sie. Wenn Stellen ausgeschrieben wurden, habe man ja auch Männer eingeladen. Aber die ohnehin schon raren Bewerber hätten dann andere Stellen angenommen. „Vielleicht liegt das an falschen Rollenvorstellungen in den Köpfen“, spekuliert Berlinecke.

Als sie die Lehrtätigkeit aufnahm, hatte sie in Brome noch Kollegen. „Da war die Verteilung von Männern und Frauen eher 50-50“, berichtet sie. Aber da war sie auch an der Volksschule. „An weiterführenden Schulen sieht das auch heute wieder anders aus.“ Das Bild des Grundschullehrers sei aber eben das eines sanften Menschen, der mit Kindern spielt. „Das ist aber ein Trugschluss“, sagt Berlinecke. Auch an der Grundschule gebe es erzieherische Schwierigkeiten und fachliche Herausforderungen. „Man muss schon tough sein“, sagt die Schulleiterin. „Und viel Einsatz zeigen.“

Lehrer: Ein anstrengend schöner Beruf

Lehrer sei man eben nicht nur vormittags. Viele junge Kolleginnen, die selber eine Familie gründen wollen, hofften wohl auf eine Teilzeitanstellung beim Staat. „Auch das ist ein Trugschluss“, erklärt Berlinecke. „Auch am Nachmittag hat man viel zu tun, nicht nur wegen der vielen Konferenzen.“

Da sind junge Mütter dann auf ein Netzwerk an Helferinnen – von der Großmutter bis zur Tagesmutter – angewiesen. Zudem seien die Aufstiegschancen gering. Schulleiterstellen seien zwar viele vakant, doch der Posten verlange einem viel ab und sei wenig anerkannt. „Ganz oft ist man sogar eine Zielscheibe“, weiß Berlinecke aus eigener Erfahrung. Vielleicht wünschten sich die meisten Männer einen Posten mit mehr Anerkennung, der weniger hart ist, lacht sie.

Gleichzeitig sei das Lehrerinnen-Dasein aber ein sehr erfüllendes: „Ich habe einen wirklich schönen Beruf“, sagt Berlinecke. Nicht zuletzt, weil die Arbeit im Team so gut laufe. „Herausforderungen gehen wir gemeinsam an.“ Auch hier hätten Frauen vielleicht sogar einen Vorteil. „Umso schlimmer, dass manche Eltern gerade die jungen Kolleginnen nicht ernst nehmen“, bedauert Berlinecke.

Es geht auch ohne Männer

Das Frauen-Team an der Grundschule Brome habe das Tagesgeschäft schließlich gut im Griff, jenseits althergebrachter Geschlechterrollen: Den Werkunterricht etwa übernimmt die Schulleiterin selbst. „Die Kinder erhalten viel Lob für ihre tollen Objekte“, sagt sie stolz, denn das bestätige auch ihre Arbeit.

Allerdings übernimmt sie auch das Fach Textiles Gestalten. „Das ist dann wohl wieder das gängige Klischee“, lacht sie. Bei den wenigen Dingen, in denen sich die Frauen nicht kompetent genug fühlen, können sie auch auf Experten zurückgreifen. „Man muss ja nicht alles können“, sagt Berlinecke und ruft gerne den Hausmeister oder PC-Fachleute zur Hilfe. Letztere seien aber auch immer wieder Frauen, betont sie.

Positiver Wandel

Überhaupt befänden sich die Geschlechterrollen im Wandel. „Ich kenne auch Kolleginnen, bei denen der Mann zu Hause beim Kind bleibt“, berichtet sie. Eine Abkehr von Klischees hin zu einem individuelleren Einsatz von Persönlichkeiten begrüße sie. „Jeder hat seine Stärken und Schwächen“, hält Berlinecke fest. Mittlerweile sei das auch schon bei vielen Menschen angekommen. „Vielleicht hat es diese 100 Jahre gebraucht“, spekuliert sie.

Damit es weiterhin eine positive Entwicklung gibt, sollte man früh ansetzen. Ein männlicher Kollege sei wohl geeignet, um den Kindern zu zeigen, dass nicht nur Frauen an Grundschulen arbeiten können. Aber auf einen angewiesen sei man keineswegs. Auch Aktionen wie der Zukunftstag – ehemals Girlsday – seien eine gute Idee, um Geschlechterrollen zu durchbrechen und Klischees aus der Welt zu schaffen. „Hoffentlich sind dafür nicht noch einmal 100 Jahre nötig“, sagt Berlinecke.

VON DENNIS TESCH

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