Eine Hauptstraße im Wandel der Zeiten

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Schlangen von Fahrzeugen quälen sich Tag für Tag durch die Hauptstraße in Brome: Die Anlieger hoffen auf den Bau der Umgehungsstraße.

Brome – Von Detlev E. Deipenau. Im Dezember verdeckte noch der reichlich gefallene Schnee gnädigst die gröbsten Makel. Jetzt, im fahlen Licht der Wintersonne, ist die zum Teil vorherrschende Tristesse an der einst voller Leben steckenden Bromer Hauptstraße umso deutlicher sichtbar.

Für den aufmerksamen Beobachter hat sich das Bild der ehemaligen Geschäftsstraße allerdings schon in den vergangenen Jahrzehnten drastisch gewandelt. Besonders ins Auge fallen jetzt die sich beinahe aneinanderreihenden, leeren oder mit großen Papierbögen verklebten Schaufenster der über Generationen an dieser Straße ansässigen ehemaligen Einzelhandelsgeschäfte. Einst gab es hier Kohlenhändler, Lebensmittel-Läden, ein Radio- und Fernseh-Geschäft und sogar eine Putzmacherin. Dazwischen immer wieder landwirtschaftliche Anwesen.

Nun sind sterbende Innenstädte wahrlich nichts Neues. In Bromes Hauptstraße allerdings scheint mit jedem über einen längeren Zeitraum geschlossenen Ladengeschäft auch ein Verfall der Gebäudesubstanz einher zu gehen.

Wann oder wo der Niedergang dieser einstmals blühenden Wohn- und Geschäftsstraße angefangen hat, ist schwer zu sagen. Allerdings lässt sich an den mittlerweile schon verwitterten Brettern, mit denen die ehemalige Gaststätte „Goldener Löwe“ an der Ecke Hauptstraße/Junkerende vernagelt ist, ungefähr ablesen, dass hier schon seit Jahrzehnten kein Bier mehr ausgeschenkt wird. „Zum Niedergang der Geschäfte hier hat auch die unbefriedigende Verkehrssituation einen nicht unerheblichen Teil beigetragen“, so die Bürgermeisterin des Fleckens, Ingrid Klopp.

Aber auch an den meist in Privatbesitz befindlichen Wohnhäusern und ehemaligen landwirtschaftlichen Anwesen mit ihren großen Innenhöfen nagt der Zahn der Zeit. „Während in vielen Gemeinden die Ortskerne mit öffentlichen Mitteln saniert wurden, sind in Brome die entsprechenden Fördermittel in die Peripherie geflossen. Einige der Hausbesitzer in dieser Straße scheinen entweder nicht über die finanziellen Mittel zu verfügen, um eine Sanierung ihrer Immobilien in Angriff nehmen zu können, oder ihnen ist das Risiko zu groß, auf dem aufwändig renovierten Wohnraum sitzen zu bleiben“, glaubt Klopp. „Bevor der Lkw-Verkehr nicht über die geplante Umgehungsstraße abgeleitet wird, lässt sich doch keine Wohnung an der Hauptstraße vermieten. Wie also sollte man eine Sanierung sonst finanzieren können?“, fragt sich nicht nur die Bürgermeisterin.

Gegenüber der Kirche gab es einst das Atelier des Fotografen Fritz Boldhaus, der in seinem Ladengeschäft auch eine Drogerie betrieb. Dessen Tochter Gisela Heeschen führte die Drogerie noch einige Jahre weiter, bevor auch sie dem Preisdruck der großen Handelsketten nicht mehr standhalten konnte und ebenfalls aufgab. „Nachdem an der Kreuzung oben eine Filial-Drogerie aufgemacht hat, sind mir nach und nach die Kunden davongelaufen, weil ich als kleiner Einzelhändler mein Sortiment teilweise teurer einkaufen musste, als es die großen Handelsketten zum Verkauf anbieten“, sagt Heeschen, die ihr ehemaliges Ladengeschäft inzwischen zu selbstgenutztem Wohnraum umgebaut hat.

Nebenan betrieb Bäckermeister Böhm seine Bäckerei, bevor er aufgab und Laden und Backstube an Bäckermeister Buchmüller verkaufte, der den Handwerksbetrieb allerdings nur kurzzeitig weitergeführt hat. Nach zwei Jahren musste auch der neue Besitzer den Laden aus bekannten Gründen schließlich zumachen. Danach stand auch hier ein Verkaufs-Schild im Jahr um Jahr blinder werdenden Schaufenster, bis das Haus jüngst von dem Telekommunikations-Fachhändler Manfred Gatzke übernommen wurde.

Ein paar Häuser weiter steht ein weiteres Geschäftshaus seit geraumer Zeit zum Verkauf. Hier war früher das Möbel- und Küchenstudio Wiebe. Und auch dieser Laden musste aufgrund der enormen Konkurrenz der großen Möbelhäuser den Betrieb einstellen.

Schräg gegenüber schließlich das ehemalige Textilhaus Westedt: In diesem, einige Jahrzehnte nach dem großen Brand von 1807 vom Großvater des letzten Inhabers gegründeten Geschäft haben sich nicht nur Generationen von Flecken-Bürgern einkleiden lassen. Hier wurden Gardinen und textile Wandbehänge gefertigt, Bettwäsche und Matratzen geliefert. Traditionell wurden hier die ersten Strampelhosen für die Neugeborenen gekauft und das Taufkleid; den Konfirmanden wurde hier der erste Anzug angepasst. Später kauften die Bromer dann die Aussteuer für die Brautleute, das Hochzeitskleid und den Hochzeitsanzug. Und auch das Totenhemd kauften die Hinterbliebenen bei Westedt.

„In den fast 130 Jahren, in denen unser Haus bestand, kauften Großeltern, Eltern und Kinder der Bromer und das Landvolk aus den umliegenden Ortschaften ihre Bekleidung in unserem Geschäft“, gerät der letzte Inhaber Heinrich Westedt in nostalgisches Schwärmen. „Nachdem mit zunehmender Mobilität die Welt immer kleiner wird, setzen sich die Leute einfach ins Auto und fahren in die Stadt, sei es nach Wolfsburg, Braunschweig oder auch nach Hannover. Wir konnten letztendlich weder bei der Auswahl noch bei den Preisen mithalten“.

Obwohl er seinen Laden schließen musste, hatte Westedt noch Glück: Er konnte das Haus nach einer relativ kurzen Zeit des Leerstands an einen Vorsfelder Apotheker verkaufen. Nun wird zumindest dieses Haus demnächst wieder mit Leben gefüllt, wenn nach der Umbauphase der neue Besitzer in die Räumlichkeiten zieht. „So lange sich an der Verkehrssituation nichts ändert“, betont Bürgermeisterin Klopp mit Blick auf die geplante Umgehungsstraße, „so lange wird sich auch nichts Wesentliches an der Situation der Immobilien in der Bromer Hauptstraße ändern.“

Zu hoffen ist, dass es nicht noch ein weiteres Jahrzehnt dauert, bis die Bromer Ortsumgehung endlich gebaut wird, sonst bleibt für einige Gebäude hier nur noch die Abrissbirne.

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