„Wir können nicht mehr raus“

Eichenprozessionsspinner: Lebensqualität in den Drömlingskolonien ist stark eingeschränkt

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Gudrun und Siegfried Weißmann, Christian Riedel und seine Mutter Lillemor (v. l.) wohnen mitten im Drömling. Der Eichenprozessionsspinner schränkt ihre Lebensqualität gerade in diesem heißen Sommer sehr ein. 

Kahnstieg – Es ist schon sehr heiß an diesem Morgen, als sich Christian Riedel und seine Mutter Lillemor sowie Gudrun und Siegfried Weißmann mit dem Isenhagener Kreisblatt auf dem Kahnstieg treffen.

Die Vier wollen erzählen, welche Probleme sie seit der Verbreitung des Eichenprozessionsspinners (EPS) haben.

Besonders die Drömlingsregion mit ihrem großen Eichenbestand ist betroffen. Und während die Nachbarn ausnahmsweise im Carport draußen sitzen – sonst verbringen sie den Sommer wegen der Allergiegefahr meist im Haus – fährt vorne an der Straße ein kleiner Kranwagen vorbei. Mit einem Zwei-Mann-Team lässt die Hansestadt Gardelegen die befallenen Eichen an der Straße absaugen. „Aber eben nur an der Straße“, erklärt Christian Riedel.

Hohe Kosten

Die Eichen, die beispielsweise die vielen Verbindungswege an den Kanälen links und rechts der Straße zieren, werden nicht behandelt. Und auch auf den privaten Grundstücken engagiert sich die Stadt nicht. „Ich habe schon mehrere Tausend Euro für das Besprühen und Absaugen ausgegeben“, sagt Siegfried Weißmann. 50 große Eichen stehen auf seinem weitläufigen Grundstück. Würde er diese nicht behandeln lassen, könnte er wohl nicht mehr auf seinem Gehöft wohnen.

Denn im Gegensatz zu seiner Frau reagiert Siegfried Weißmann ganz empfindlich auf die gefährlichen Raupenhaare, Arme und Beine sind von Pusteln übersät. „Als ich das zum ersten Mal beim Hautarzt in Wolfsburg gezeigt habe, haben die sich nur gewundert. Vom Eichenprozessionsspinner hatten sie dort noch nie gehört“, so Siegfried Weißmann. Seit etwa sieben bis zehn Jahren – so genau weiß keiner mehr, wann die Verbreitung des EPS begonnen hat – nimmt die Belastung durch den Schädling jedes Jahr ein Stückchen mehr zu.

Schaden für Tourismus

„Dass mit dem neuen Biosphärenreservat Drömling auf den Tourismus und die Steigerung der Radwanderzahlen gesetzt werden soll, ist Quatsch“, findet Gudrun Weißmann. Allein 600 000 Euro, so hat sie gelesen, sollen für neue Radwege und Schilder ausgegeben werden. „Völliger Unfug“, findet Gudrun Weißmann, denn zurzeit könne man keinem Besucher raten, sich mit dem Rad in den Drömling zu begeben. Fast alle Bäume sind vom EPS befallen. „Wir fahren zum Beispiel den Köckter Damm schon gar nicht mehr mit dem Rad lang, obwohl er als Radweg ausgewiesen ist, weil die Eichen dort voll sind“, sagt Siegfried Weißmann. Und er verweist auf einen kleinen Eichenbestand zwischen Bleuenhorst und Buchhorst: „90 Prozent der Bäume sind da schon tot.“ Denn die Eichen kommen mit der Belastung durch den Schädling nicht zurecht. Drei, vier Jahre hintereinander können sie den Befall noch kompensieren, aber dann sterben die Bäume ab, haben die Bewohner des Kahnstiegs auch am eigenen Eichenbestand beobachten können. „Für die Schilder Achtung Eichenprozessionsspinner geben sie Geld aus, aber für die Bekämpfung nicht“, beklagt das Ehepaar Weißmann. Wobei sie das im Auftrag der Stadt Gardelegen arbeitende Zwei-Mann-Team, das die Eichen am Straßenrand absaugt, ausdrücklich ausnimmt. Sie arbeiten sehr gründlich und unter großem Einsatz. Denn bei der Hitze der vergangenen Tage stehen die Mitarbeiter vor der Wahl: „Schwitzen unterm Schutzanzug“ oder die Gefährdung ohne aushalten.

Einen Tipp, um den Juckreiz zu unterdrücken, haben Weißmanns auch: Schwarzkümmelöl.

Auch Lillemor Riedel reagiert stark allergisch auf den EPS. „Ich kann nachts nicht schlafen, weil es überall juckt.“ Gudrun Weißmann hat dagegen gar keine Probleme, Christian Riedel auch nicht. Und dennoch: „Es ist eine Einschränkung der Lebensqualität“, darüber sind sich alle vier Kahnstieg-Bewohner einig.

Natur verändert sich

Und nicht nur bei den Senioren. Auch die Kinder, die im Drömling groß werden, können im Frühjahr und Sommer nicht mehr zum Spielen nach draußen, können nicht mehr an den Kanälen und Gräben unterwegs sein, weil an den Ufern Eichen stehen. „Ich kann auch den Garten nicht mehr nutzen, geschweige denn bearbeiten“, sagt Lillemor Riedel. „Man fragt sich, wie diese Plage entstehen konnte“, so Christian Riedel. Er fordert ein schnelles Umdenken, auch bei der Landwirtschaft. Die Kolonisten merken es als Erste, wie sich die Natur verändert hat. So ist die Zahl der Singvögel deutlich zurückgegangen, die Nachtigall singt nicht mehr, die Schwalben, die sonst zahlreich an den Gehöften brüteten, bleiben aus. Sie finden keine Nahrung mehr. Seit 2010 gibt es die Probleme mit dem EPS. „Und es wird jedes Jahr schlimmer“, sagen die Vier vom Kahnstieg übereinstimmend. Sie hoffen auf Unterstützung durch die Politik. „Wir sind hier am Ende der Welt“, fühlen sie sich mit ihren Problemen alleingelassen. Etwa, wenn im „Spiegel“ ein Förster aus Rheinland-Pfalz sagt, so schlimm könne das schon nicht sein mit dem EPS. Und auch das Landes-Umweltministerium tat sich schwer, eine finanzielle Unterstützung für die betroffenen Kommunen zu bewilligen. „Wenn der Eichenprozessionsspinner auch in Magdeburg wäre, dann wäre schon längst etwas passiert“, vermuten die Kolonisten.

VON MONIKA SCHMIDT

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