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Ehra: Filmemacher Antoine aus Kamerun erzählt von seiner Fluchterfahrung

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Von: Pascal Patrick Pfaff

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Portraitfoto des Filmemachers Antoine
Filmemacher Antoine fühlt sich wohl in Ehra: „Ich möchte hier gerne an Kulturprojekten teilnehmen.“ © Pfaff

„Ich liebe Ehra, denn der Ort ähnelt meiner Heimat. Es ist hier sehr ländlich. Das mag ich, zumal mein Vater als Bauer 32 Hektar Land bewirtschaftet.“

Ehra – Antoine lächelt verlegen. Es ist eine Regung, die er an diesem Tag nicht allzu oft zeigen wird. Zu intensiv sind die Erinnerungen an jene Ereignisse, die den studierten Filmemacher und Fotografen zur Flucht aus seinem Geburtsland Kamerun trieben.

„Alles begann 2018, als in Kamerun Präsidentschaftswahlen waren. Maurice Kamto hat sie gewonnen, doch er kam nicht ins Amt, weil der amtierende Präsident Paul Biya einfach weitermachte“, so Antoines Überzeugung. Er unterstütze Kamto und stehe für dessen Politik ein, die er beschreibt als „föderalistisch und an demokratischen Werten orientiert“. Biya sei wiederum dafür verantwortlich, dass die Korruption im Land zugenommen habe und die sozio-politische Lage instabil blieb, so Antoines Einschätzung.

Für ein dreiviertel Jahr im Gefängnis

Aus Unzufriedenheit über den Wahlausgang habe er eine Bewegung gestartet: „Uns ging es darum, gegen Biyas Politik zu demonstrieren. Ich habe auch ein Video von den Protesten gedreht und über meinen Kanal ‘Mifi tv officielle’ auf YouTube hochgeladen. Danach wurde mein Haus niedergebrannt.“

Antoine hebt die Stimme, wird laut. Er erzählt davon, wie gewaltsam die Polizei gegen ihn und die Demonstranten vorgegangen sei, er beim Versuch, sich zu wehren einen Zahn verlor, und wie er für neun Monate ins Gefängnis kam. Dies sei zwischen Februar und November 2019 gewesen.

Als Filmemacher habe er einst den zweiten Platz bei einem afrikanischen Filmfestival belegt. Sein Unterhaltungsstreifen thematisierte auf lustige Weise den Arbeitsalltag von Straßenpolizisten. „Alkoholkontrollen und die ganzen Verstrickungen“, wie Antoine sagt. Seinen Beruf habe er seit 2018 aber nicht mehr ausgeübt; eben seitdem er sich politisch zu engagieren begann.

Flucht über Nordafrika und das Mittelmeer

„Und dann war da ja auch die Flucht: Über Nigeria, Niger, Algerien und Libyen kam ich mit einem Boot über das Mittelmeer nach Italien. 99 Personen fuhren da mit. Schließlich landete ich in Braunschweig.“ Die dortige Landesaufnahmebehörde erreichte Antoine allerdings nicht ohne Strapazen. So habe er sich in Nigeria einen Arm gebrochen, konnte aber nicht ins Krankenhaus, weil man ihn als Flüchtling dort wohl gleich ins Gefängnis gesteckt hätte, wie Antoine glaubt.

„Ich habe das alles auf mich genommen, weil ich die Hoffnung habe, in Europa Schutz zu finden.“ Dies ist es auch, was er sich für seine Familie wünscht. Seine Frau und die beiden kleinen Kinder (sein Sohn ist drei Jahre alt, die Tochter viereinhalb), leben noch in Kamerun. Antoine sagt, dass sie dort aber nicht sicher sind: „Meine Frau wurde auch schon festgenommen und in Handschellen gelegt. Ich habe das auf Video. Man will mich damit unter Druck setzen, aber ich bin positiv: Gott hilft mir. Wenn ich hier in Deutschland aufgenommen werde, dann kann meine Familie nachziehen.“

Interessiert an politischer Bildung

Antoine ist Christ – und scheint fest entschlossen: „Was ich mache, ist für die Zukunft meines Landes. Möglich, dass ich eines Tages auch dorthin zurückkehre – wenn sich die politischen Verhältnisse gebessert haben.“ Politik sei ein Thema, das ihn sehr interessiere. „Ich möchte hier in Ehra noch mehr darüber lernen und mir Kenntnisse aneignen, wie die Demokratie in Europa funktioniert.“ Sein Ziel: Das Wissen vielleicht irgendwann nutzbar machen. Als Bürgermeister in seinem kamerunischen Heimatdorf.

Eine Art „Lehrerin“ kann dabei Jenny Reissig sein. Die ehemalige Bürgermeisterin von Ehra ist Kommunalpolitikerin und trifft Antoine des Öfteren – auch im Rahmen ihrer Tätigkeit als 1. Vorsitzende des „Fördervereins Ehra-Lessien, ein Dorf – ein Team“. Dabei gehe es ihr auch darum, anderweitig Hilfe anzubieten: „Momentan lebt Antoine ja im Camp Lessien. Wir suchen derzeit aber eine Wohnung für ihn. Und ebenso ein Praktikum: Es wäre schön, wenn dies in einem Bereich ist, in den er seine Fähigkeiten als Filmemacher einbringen kann.“ Unternehmen, die Interesse an einer Zusammenarbeit mit Antoine haben, können sich beim Förderverein per Mail unter info@mosaikehralessien.de melden.

Verständigen können sich Interessenten mit Antoine auf Englisch und Deutsch. Letzteres ist nach erst fünf Monaten im Land noch etwas holprig, doch im Camp gibt es unter der Woche täglichen Unterricht, wie Antoine sagt: „Immer von 9 bis 11.30 Uhr und von 14 bis 17.30 Uhr.“ Er habe bereits im Jahr 2005 Deutsch in der Schule gelernt – „einfach aus Interesse und natürlich, weil mein Opa Soldat in Deutschland war.“

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