Nach Ärger mit Nachbarn, Ämtern und einem vernichtenden Gerichtsurteil stehen sie vor dem Nichts

„Eher nehme ich mir einen Strick“

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Der Traum von mehr Lebensqualität wurde für Günther Wilden zum Desaster.

Das Ehraer Ehepaar Wilden wollte sich im Alter eine neue Bleibe in Brome schaffen. Doch nach Ärger mit den Nachbarn, Ämtern und einem vernichtenden Gerichtsurteil stehen sie vor dem Nichts. Aber ins Pflegeheim will Günther Wilden auf keinen Fall.

Brome – Es war ein Stück neue Lebensqualität, die sich Günther Wilden und seine Frau Ilse – heute stolze 91 und 81 Jahre alt – schaffen wollten. Jetzt stehen sie vor einem finanziellen Abgrund, der ihre Existenz bedroht.

Die Holzkonstruktion des Anbaus war wurmstichig und konnte nicht gerettet werden. Foto: Privat

2013 kaufte das Paar ein altes Haus in Brome im Zuge einer Zwangsversteigerung. „Ich bin schwerbeschädigt“, erklärt Wilden im IK-Gespräch. 44 Bestrahlungen habe er hinter sich, die hätten ihm „die Blase verbrannt“ und körperlich an Grenzen geführt. „Ich kann nicht so lange alleine bleiben“, führt Wilden aus. In Ehra gebe es aber nur „Benzin und Brot“ zu kaufen, „für alles Weitere muss meine Frau nach Brome fahren.“ Die 81-Jährige sei dafür lange unterwegs. Zudem sei das aktuelle Bad nicht barrierefrei. Ein Umzug nach Brome, wo es neben Einkaufsmöglichkeiten auch Ärzte gibt, lag als Lösung klar auf der Hand.

Lebensqualität im Alter

Also nahmen Wildens ihr Erspartes und kauften ein kleines Haus mit Anbau. Das wurde bereits zirka 1875 – so genau weiß das niemand – errichtet, stand seit 2011 leer und hatte erheblichen Sanierungsbedarf. Doch Wildens wussten, was auf sie zukommt, verweisen stolz auf ihr Heim in Ehra. Auch verstehe der Finanzbuchhalter Wilden nicht nur etwas von Zahlen, sondern habe auch Innenarchitektur studiert.

Im neuen Bad zeigt sich Schimmel, ...

„Ich war vorsichtig“, berichtet er, „und dachte, ich weiß, worauf ich mich einlasse.“ In dem neuen Wohnhaus mit Anbau wurde sogleich ein größeres Bad eingerichtet. Sohn und Enkel halfen dabei nicht nur finanziell, sondern packten auch tatkräftig mit an. Doch schon nach kurzer Zeit habe es Ärger mit den Nachbarn gegeben. „Die haben mir die Baupolizei auf den Hals gehetzt“, ärgert sich der 91-Jährige. Das Bauamt habe nach Schwarzarbeitern und unangemeldeten Bauten gesucht. Doch Wilden war vorbereitet: Verträge, Zeichnungen und Exposé lagen bereit. „Der Mann hat sich entschuldigt und gesagt, es sei eine Frechheit, mich anzuzeigen“, berichtet Wilden stolz.

Stilllegung angeordnet

... die bereits tapezierten Wohnräume sind auch ruiniert.

Er dachte, damit sei die Sache vom Tisch. Aber rund zwei Wochen später klingelte es erneut. „Der Mann hat sich um 180 Grad gedreht“, sagt der Rentner. Wildens hatten den Anbau ans Wohnhaus bereits in Angriff genommen, die Arbeiten seien aber nicht genehmigt worden. Die Folge: Stilllegungsverfügung. „Das hat mich hart getroffen“, berichtet der Beschuldigte. Zu seinen ohnehin nicht unerheblichen Gebrechen ereilte ihn ein Schlaganfall. „Jetzt ist mein rechter Arm gelähmt“, klagt der 91-Jährige. Mithilfe seiner Frau, einer ehemaligen Physiotherapeutin, habe er immerhin die spastische Lähmung lindern können.

Am Haus jedoch war erstmal kein Vorankommen. Der Landkreis bestätigt auf IK-Anfrage, dass es 2014 Ortsbesichtigungen gab. Im Sommer habe man Wildens mitgeteilt, ab wann sie eine Genehmigung brauchten. „Leider waren bei der dann folgenden Bauausführung die gesetzlichen Vorgaben nicht eingehalten worden“, berichtet der Erste Kreisrat Dr. Thomas Walter. Das Ehepaar habe den Stall auf dem Grundstück zum Wohnhaus umbauen wollen.

Werkstatt statt Stall

Günther Wilden sagt, mit der Steinbauweise habe er lediglich renoviert. Das Gericht sieht das anders.

„Was für ein Schwachsinn“, echauffiert sich Günther Wilden. „Das war nie ein Stall.“ Tatsächlich wirkt das massive, teils in Fachwerk gebaute Nebengebäude nicht wie ein Stall. Auch im Gutachten des Architekten, das Wilden vor dem Kauf zu Rate zog, ist es als „Wohnhausanbau“ eingetragen. Zwar ist auch von einem Geräteschuppen mit „erheblichem Unterhaltungsstau“ die Rede, den gebe es aber schon längst nicht mehr. Die Pläne im Gutachten bestätigen dies.

Vielmehr handele es sich bei dem „Stall“ um eine ehemalige Schneiderwerkstatt. Das bestätigte auch der Sohn der ehemaligen Besitzer in einem Schreiben. Demnach befand sich im Anbau bis zum Verkauf 1995 die Werkstatt seines Vaters. Wilden hat weitere, materielle Indizien. So habe er die Ausstattung der Werkstatt dem Museum Burg Brome überlassen. „Da kann man sich das alles anschauen“, sagt er. Damit nicht genug: „Die neue Heizung ist im Anbau untergebracht und zuvor war an gleicher Stelle der alte Kachelofen“, erklärt Wilden und fragt: „Haben Sie schon einmal eine Heizung gesehen, die in einem Stall eingebaut wurde?“. Untypisch dafür sei auch der vorhandene Treppenaufgang. Die Wildens zogen vor Gericht.

Schimmel und Schaden

Während des Rechtsstreits aber wurden alle Fortschritte – bei denen laut Wilden nichts an Statik oder ähnlich Gravierendem verändert wurde – im Haus zunichte gemacht. Die Nachbarn, die laut Wilden auch hinter den Anzeigen stecken und der Grund für all den Ärger seien, hätten beim Entfernen von Pflanzenbewuchs „absichtlich mein halbes Dach mit abgedeckt.“ Durch das undichte Dach drang Feuchtigkeit ein. Die Folge: Schimmel, auch im schon renovierten Obergeschoss des Wohnhauses sowie im bereits neugestalteten, großräumigen Bad im Erdgeschoss. Die Nachbarn äußerten sich nicht zu den Vorwürfen, sind nicht mehr vor Ort anzutreffen. „Laut meinem Anwalt sind die unbekannt verzogen“, sagt Wilden. Den Schaden hat er dennoch.

Einige Balken am Dach hatten Wildens bereits ausgetauscht, doch den neuen Schaden zu beseitigen, sei unglaublich schwierig gewesen. „Die alte Lehmdecke lag frei“, berichtet Wilden. „Der Dachdecker hat gefragt, ob ich seine Frau zur Witwe machen will. Da geht keiner so einfach hoch.“ Nun kam nach der Stilllegungsverfügung auch noch die Aufforderung zum Abriss des Anbaus. Doch das ist laut Wilden beinahe unmöglich, ohne auch das Haupthaus zu schädigen. „Die Dächer sind eingekuhlt, deshalb ja auch der Schaden im Bad“, beklagt Wilden. Seiner Ansicht nach übrigens ein weiterer Beweis dafür, dass der Anbau kein Stall sei.

Gericht fordert Abriss

Dass der Anbau eine Schneiderwerkstatt sei, führte dann auch Wildens Anwalt, Dr. Alfred Stein aus Wittingen, vor Gericht an. Doch mittlerweile hat auch das Verwaltungsgericht Braunschweig Stellung gegen die Wildens bezogen. Das vernichtende Urteil: Klage abgewiesen, der Anbau ist formell und materiell illegal. Der Abriss muss vollzogen werden. In der Urteilsbegründung ist lesen, dass die ursprüngliche Nutzung oder Genehmigung des Anbaus unklar, aber auch irrelevant sei. „Selbst bei unterstellter Existenz einer Baugenehmigung wäre der Bestandsschutz des Gebäudes mittlerweile erloschen“, heißt es da.

Das Gericht argumentiert, die obere Etage sei fast vollständig abgetragen und neu errichtet worden. Im Ergebnis habe man nahezu einen „Ersatzbau“ – und der bedürfe einer Baugenehmigung. „Unsinn“, sagt Wilden. Er will lediglich saniert haben. Aber das Gericht gab, wie zuvor auch schon ein Petitionsausschuss, dem Landkreis recht und konnte in dessen Verfahren auch keine Ermessensfehler erkennen. „Das Vorgehen der Kreisverwaltung ist damit sowohl gerichtlich als auch durch das Land Niedersachsen bestätigt worden“, erklärt Kreisrat Walter. Heißt: Das Gebäude muss abgerissen werden, sonst droht ein Zwangsgeld von 5000 Euro. Auch das bestätigte das Verwaltungsgericht als rechtens.

Mit 91 Jahren ruiniert

„Das Geld habe ich nicht“, klagt Wilden. Durch die Einkuhlung der Dächer müsse er auch das Haupthaus abreißen, das ohnehin stark unter dem langen Baustopp bei undichtem Dach gelitten habe. „Der Abriss würde 54 000 Euro kosten“, erklärt Wilden. Damit stünde er vor dem Ruin. Der Traum vom altersgerechten Wohnen habe ihn nicht nur einen Arm und sein gesamtes Kapital gekostet. Besonders bedauert er, Enkel und Sohn „zur Last zu fallen. Die können nichts dafür.“ Alles habe er verloren, stünde kurz vor dem Altenheim. Doch da kriege ihn niemand hin, sagt der 91-Jährige. „Eher nehme ich mir einen Strick.“

VON DENNIS TESCH

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