Statisten „unter Schock“: Eine Großübung in Lessien verlangt 255 Einsatzkräften alles ab

Bedrückend realistisch

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Alles nur gespielt: Die Komparsen leisteten ganze Arbeit, die übenden Feuerwehrleute hatten es so mit panischen „Opfern“ zu tun, die nach Notärzten riefen oder sich unter Schock sogar der Hilfe widersetzten.

Lessien. „Braucht noch jemand Blut?“, heißt es gut eine halbe Stunde vor Übungsbeginn hinter dem Heizungsgebäude der einstigen Lessiener Militäranlage. 

Mitglieder der DRK-Notfalldarstellung aus Wolfenbüttel machen aus den rund 100 Freiwilligen, die sich als Statisten gemeldet haben, mit Hilfe von Theaterschminke überzeugende „Verletzte“. 

Noch etwas Kunstblut: Dieser Akteur wird für seine Rolle im umgekippten Bus präpariert.

Klaffende Wunden an Stirn und Kinn, aufgerissene Hosen, aus denen es rot heraustropft, scheinbar abgerissene Finger, verschmierte Knöchel, deren Zustand einen Bruch vermuten lassen: Allein optisch präsentiert sich den Einsatzkräften später eine lebensechte Unfall-Szenerie.

Die Darsteller setzen dann, als die Übung läuft, noch einen drauf – und verschaffen Rettern wie auch Zuschauern aufgerichtete Nackenhaare und einen Eindruck davon, was an solch einem Unfallort vorgehen mag, wenn die Situation echt ist: Unfallopfer unter Schock, die orientierungslos umherstolpernd nach Hilfe rufen; Schreie und Klopfgeräusche aus dem Unfall-Bus, wo zig Insassen eingesperrt sind, während die Sekunden erbarmungslos verrinnen; hysterische Menschen, die die Feuerwehrleute bedrängen und immer wieder rufen: „Meine Tochter ist da drin, meine Tochter ist da drin.“ Bald werden auch die ersten „Toten“ entdeckt – Puppen, keine geschminkten Freiwilligen.

Feuerwehrleute brachten die zahlreichen „Verletzten“ auf Tragen zur vom DRK betreuten Sammelstelle.

Schnell wird an diesem Samstagnachmittag klar: Die beiden nach Übungsfahrplan zuerst alarmierten Ortswehren aus Brome und Ehra können mit einer solchen Aufgabe nicht allein fertig werden. Nach und nach heulen in immer mehr Orten des Landkreises die Sirenen. Am Einsatzort dringt das Alarmgeräusch aus Piepern und Funkgeräten. Immer mehr Feuerwehren treffen im Laufe des Nachmittags ein, dazu auch die Schnell-Einsatzgruppe (SEG) des DRK und das Gifhorner THW. Überall Blaulicht, überall hektische Betriebsamkeit. Die SEG-Helfer bauen Zelte auf, in denen Verletzte versorgt werden können. Neben den Rettungswagen parkt irgendwann auch der erste Notfallseelsorger. Eine bedrückend realistische Szenerie.

Fieberhafte Arbeit auf engstem Raum: Die Befreiung der „Verletzten“ aus dem Bus stellte die Rettungskräfte vor Herausforderungen.

Feuerwehr-Pressesprecher Tobias Nadjib erläutert den Zweck der aufwändig inszenierten Übung: „Die Einsatzkräfte sollen Verletzungsarten erkennen und den Einsatz nach den entsprechenden Erfordernissen strukturieren.“ Das heißt auch: Prioritäten setzen. Früh bemerken die Feuerwehrleute beispielsweise, dass Diesel aus dem Bus austritt. Also ist auch Gefahrstoff-Bekämpfung nötig, doch das muss warten – die Verletzten sind wichtiger. Erst um 14.30 Uhr hingegen erkennt ein Feuerwehrmann, dass unter den Trümmern der vom Bus zum Einsturz gebrachten Mauer Menschen verschüttet worden sind. Ein kniffliger Teil der Übung, denn das Haus ist in Wirklichkeit ganz geblieben – und der Bus bietet den Einsatzkräften mehr als genug Arbeit, zumal daneben auch noch ein schmorender Stromkasten „versorgt“ werden muss, den es beim Unfall erwischt hat. Und Menschen, die um Freunde oder Angehörige bangen, die auf einer Trage unter Wärmefolie liegen, rufen immer noch nach Hilfe.

Rund um den umgestürzten Bus entdeckten die Einsatzkräfte immer weitere „Unfallopfer“.

Wie gehen Einsatzkräfte damit um, dass all diese Anforderungen gleichzeitig auf sie einprasseln? Der Bromer Gemeindebrandmeister Frank Mosel, der an diesem Nachmittag die Einsatzleitung und damit die Aufgabe der Koordination hat, sagt, dass es zunächst trotz allem wichtig ist, den nüchternen Blick für die Einsatzschwerpunkte zu bekommen und zu behalten: „Ich muss die Übersicht haben.“ Das klingt nach einer emotionslosen Herangehensweise, doch Mosel räumt auch ein, dass genau dies in einem Ernstfall vermutlich nicht leicht wäre – und dass das Geschehene erst im Anschluss richtig verdaut werden kann.

Der Lessiener Nachmittag führt gleichzeitig vor Augen, wie schnell Rettungskräfte rein zahlenmäßig in eine schwierige Situation kommen können. Verunglückt ein Auto mit ein oder zwei Personen an Bord, dann kümmern sich in der Regel rund 30 Einsatzkräfte darum. 100 Verletzte sind eine ganz andere Nummer.

Was am Samstag geprobt wurde, nennt sich im Retter-Jargon MANV: ein Massenanfall von Verletzten. Das Zugunglück von Eschede war solch ein trauriges Ereignis, Flugzeugabstürze oder Explosionen fallen ebenfalls in die Kategorie. Doch es müssen gar nicht immer die Extrem-Vorfälle sein: Schon ein Verkehrsunfall mit sechs bis zehn Schwerverletzten ist ein MANV – und geeignet, die so genannten Rettungsmittel eines ganzen Landkreises zu beanspruchen. Wobei die Feuerwehren, sofern sie dabei benötigt werden, laut Nadjib immer eine Grundbereitschaft in den Orten belassen würden.

Deshalb ist in derartigen Situationen auch Hilfe von außen nötig, insbesondere mit Blick auf die medizinische Versorgung. So waren denn am Samstag auch das DRK aus Wolfsburg, Helmstedt und Peine ebenso eingebunden wie das THW Wolfenbüttel. Im Ernstfall wären auch mehrere Rettungshubschrauber auf dem einstigen Kasernengelände gelandet, doch die kann man nicht mal so eben für solch eine Übung ordern. Für die große Zahl von Verletzten wären Krankenhäuser in einem weiten Umkreis angesteuert worden, wohl bis hin nach Hannover und Magdeburg.

Hauptziel der Übung war die effiziente und strukturierte Zusammenarbeit aller Einheiten. Kreisbrandmeister Thomas Krok bilanzierte schon mal erfreut: „Übungsziel erreicht.“

Die komplette Übung wurde mit einer Drohne gefilmt. Zudem begleitete ein Kamerateam den Nachmittag – denn Szenen aus Ehra sollen laut Nadjib in einen Kinofilm einfließen, der 2018 veröffentlicht wird. Der Landkreis Gifhorn hat die Übung finanziell unterstützt. Ausgearbeitet wurde sie vom stellvertretenden Kreisbrandmeister Jens Dieckmann, dem Gifhorner SEG-Bereitschaftsleiter Horst Krämer, Alexander Hagenbach vom Katastrophenschutz des Landkreises und Maik Kelpin vom THW.

Von Holger Boden

Statisten „unter Schock“: Großübung in Lessien

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