Gewonnen, bis sie nichts mehr hatte

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Was von der Altersvorsorge übrig blieb: Statt 50 000 Euro, die Elisabeth Stamm angespart hatte, hat sie nur noch kiloweise Papier.

Dachau - Elisabeth Stamm hat 50000 Euro verloren - ihr ganzes Vermögen. Rund 50 Glücksspiel-Firmen räumten das Konto der dementen Seniorin leer, in nur einem halben Jahr. Solche Abzoche ist nicht selten. Die Banken sind machtlos - ebenso der Verbraucherschutz.

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Die Briefe mit den Millionen-Gewinnen kamen jeden Tag. Sie haben den Briefkasten verstopft, sie stapelten sich in der kleinen Wohnung der Seniorin. Elisabeth Stamm (Name geändert) hat gewonnen. Immer und immer wieder. Solange, bis nichts mehr übrig war von ihrem Geld. 50 000 Euro hat die Rentnerin verloren. Was sie über Jahre angespart hatte, war in sechs Monaten weg.

Erik Stamm, 44, sitzt steif auf seiner Couch, er ist der Sohn. Alles, was von den Ersparnissen seiner Mutter übrig ist, hat er in einem roten Aktenordner gesammelt. Es sind dies: Rechnungen, Telefon-Verträge, unzählige Briefe von Inkasso-Unternehmen – alles schön ordentlich abgeheftet. Jeder Zettel hat seine Klarsichtfolie, jeder Absender sein eigenes Register. Denn gegen jeden einzelnen Absender hat Erik Stamm einen Kampf geführt.

„Sie müssen wissen, das war kein Leben mehr mit dem Ding.“ Erik Stamm mit dem Ordner, in dem er Rechnungen, Mahnungen und Inkasso-Schreiben gesammelt hat.

Er hält den Ordner, dann lässt er ihn fallen. Sechs Kilo Papier krachen auf den kleinen Wohnzimmertisch. „Das ist er“, meint der Dachauer trocken. Er holt Luft, fährt mit den Fingern durch das kurze Haar. „Sie müssen wissen, das war kein Leben mehr mit dem Ding.“ Vor ihm liegt ein Aktenfriedhof. Herausfordernd, wie bei einem Duell.
Es war eine Lawine, die über Elisabeth Stamm hereinbrach. Zuerst riefen irgendwelche Leute bei ihr an: Herzlichen Glückwunsch, flöteten sie, Sie haben gewonnen, Frau Stamm. Jetzt müsse man nur noch Kontodaten und Adresse abgleichen. Sie lullten die Seniorin ein, irgendwann gab sie die Daten heraus. Kaum war das geschehen, bekam sie immer mehr Briefe. Bündelweise. Gewinnschreiben, wie sie jeder kennt, von Dutzenden Absendern. „Diese Firmen haben die Kontodaten untereinander ausgetauscht, da kann mir jemand vom Datenschutz erzählen, was er will“, wettert Erik Stamm.

Das Fatale: Plötzlich begannen die Firmen, Geld vom Konto seiner Mutter abzubuchen. Monatelang hat sich die Glücksspiel-Mafia bedient. Immer wieder buchte sie kleine, unauffällige Beträge ab: 49,90 Euro die eine Firma, 59,85 Euro die nächste.

Legen Sie auf!

Erhalten Sie Telefonanrufe von Gewinnspielanbietern, legen Sie sofort auf. Die Anrufer wollen Sie in ein Gespräch verwickeln, bei dem Kontodaten und Adresse abgeglichen werden. Beim Telefonat kann ein Vertrag zustande kommen.

Elisabeth Stamm bekam das alles nicht mit, es war die Zeit, als der Alzheimer immer stärker ihre Welt vernebelte. Mehrmals am Tag ging die 62-Jährige mit derselben Einkaufsliste zum gleichen Supermarkt. In der Wohnung stapelte sich der Müll, in der Küche das Geschirr. Doch vor den Angehörigen verbarg sie ihr Schicksal.
Erik Stamm bekam seine Mutter bei seinen Besuchen zu sehen, wie er sie kannte: selbstständig, gepflegt, wortgewandt. Demenz? Nein, davon habe er nichts bemerkt. Demenz war für Erik Stamm etwas anderes: Menschen, die Gegenwart und Vergangenheit verwechseln, die ihre Umwelt nicht mehr wahrnehmen. So etwas haben andere, dachte Erik Stamm, aber nicht seine Mutter.

Bei Elisabeth Stamm kam die Krankheit schleichend. Wenn die Rentnerin wieder etwas vergessen hatte, machte sie Witze: „Alzheimer lässt grüßen.“ Noch heute ringt ihr Sohn nach einer Erklärung, warum er die Wahrheit nicht sah: „Meine Mom hat einen ermittelten Sprach-IQ von über 140. Sie war belesen, konnte dem Papst eine Wagenladung Bibeln verkaufen.“

Kontoauszüge prüfen

Prüfen Sie regelmäßig Ihre Kontoauszüge. Bewegungen auf Ihrem Konto lassen sich bis zu sechs Wochen zurückbuchen.

Bereits in der Zeit, als Elisabeth Stamm ihre Krankheit noch verstecken konnte, verschwanden jeden Tag hunderte Euro vom Konto. Doch die Rentnerin schwieg. Sie wollte keine Hilfe, wollte nicht zugeben, dass sie im Alltag nicht mehr zurechtkam. Erik Stamm ist sich sicher: „Die Krankheit meiner Mutter haben die Glücksspielfirmen gezielt missbraucht. Das hat sich bei denen herumgesprochen, dass in Dachau eine demente Alte hockt, die man ausnehmen kann.“

Damit nicht genug: Fünf Telefonanbieter buchten Monat für Monat ihre Grundgebühr ab. Mit einer Firma hatte die Rentnerin drei Verträge. Wenn sie ihre PIN-Nummer vergessen hatte, schloss sie einen neuen Vertrag ab. Verlegte sie ihr Handy, kaufte sie sich ein neues.

Online-Kontrolle

Im Internet kann ein Angehöriger regelmäßig Ihre Kontobewegungen prüfen. Suchen Sie bei Fragen das Gespräch mit Ihrer Bank.

Elisabeth Stamm ist kein Einzelfall. Wenn Arthur Fischer, Pressesprecher der Sparkasse Dachau, das Stichwort „Briefkastenfirma“ hört, sprudeln die Geschichten aus ihm heraus. Von Menschen, die auf das Versprechen vom großen Geld hereingefallen sind. „Es ist nichts Neues, dass sich Firmen bei Kunden melden und ihnen versprechen, dass sie etwas gewonnen haben“, meint Fischer. Er erzählt von Menschen, die falschen Anwälten tausende Euro überwiesen haben. Die hatten ihnen Millionen aus Ölgeschäften in Saudi Arabien versprochen.

Elisabeth Stamm wohnt nun im Altenheim. Sie hat wieder eine Aufgabe.

Der Fall der dementen Elisabeth Stamm macht den Sprecher betroffen: „Das ist sicher tragisch, was der Frau passiert ist. Aber hier ist die Bank hilflos.“ Selbstverständlich würden Konten regelmäßig auf Auffälligkeiten überprüft, betont Fischer. Wenn große Beträge eingezahlt oder abgebucht werden, die nicht zum Zahlungsverhalten des Kunden passen, würde die Bank den Kontoinhaber sofort anrufen. „Bei kleinen Buchungsbeträgen sind wir dagegen machtlos. Hier hat die Kriminalität leichtes Spiel“, erklärt Fischer. 

Kleingedrucktes lesen

Beachten Sie immer das Kleingedruckte. Durchsuchen Sie Internetseiten nach Kostenhinweisen. Oft sind Angebote so gestaltet, dass deren Nutzung auf den ersten Blick gratis erscheint.

So gingen auf dem Konto von Elisabeth Stamm Woche für Woche Buchungen ins Nirwana, bis von den 50 000 Euro, die sie für das Alter angespart hatte, nichts mehr übrig war. Bemerkt haben will davon niemand etwas.
Auch nicht Erik Stamm. Er hatte, als die Alzheimer-Diagnose kam, an alles gedacht, nur nicht an die Bank. Der Befund riss ihn aus dem Leben. „Ich habe mich zuerst auf die ganze soziale Logistik gestürzt. Irgendwie musste ich die Diagnose kompensieren. Man bekommt nicht jeden Tag das Todesurteil seiner Mutter auf den Tisch geknallt“, sagt er.

Er lief zu Ärzten und zu Selbsthilfegruppen, kümmerte sich um die Vollmacht, später um die Wohnungsauflösung. Er wollte seiner Mutter das Leben noch so schön wie möglich machen. „Nur zur Bank bin ich nicht gegangen“, klagt Stamm. Der 44-Jährige stellt die dampfende Tee-Tasse wieder auf den Tisch, dann tippt er mit den Fingern auf den roten Ordner: „Das war ein riesiger Fehler. Ich hätte zuerst schauen müssen, was die Finanzen machen.“

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Erst als ihn sein Onkel fragte, wie es auf der Bank ausschaut, griff Erik Stamm zum Hörer. Doch der Anruf kam zu spät. „Das Konto war bereits satt im Minus“, hadert Stamm. Vergeblich hatte die Bank zuvor versucht, die Mutter zu erreichen. Doch Briefe blieben unbeantwortet, das Telefon war tot.

Nicht blenden lassen

Lassen Sie sich nicht von Gewinnversprechen blenden. Sie sollen meist von hohen Kosten ablenken.

Nach dem Telefonat mit der Bank blieb dem Dachauer nicht viel Zeit für Emotionen. „Ich musste ja funktionieren, Vollgas geben. Da denkt man über gar nichts mehr nach, auch nicht über 50 000 Euro.“ Er rannte zur Sparkasse. Von dem Termin spricht Stamm noch heute wie von einer Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. „Wenn man bei einem Banktermin vor dem Grüß Gott gleich einen Kaffee angeboten bekommt, weiß man schon, dass es etwas Ernstes ist“, erinnert er sich.

Die Bankangestellte half, wie sie konnte: Sie buchte die Beträge der vergangenen sechs Wochen zurück. Mehr ging nicht. „Da verliert man doch den Glauben an die Menschheit. Für mich war das unvorstellbar, als ich das Ausmaß erfahren habe.“ Kurz holt er Luft, dann hebt er hilflos die Hände: „Wer macht so etwas? Eine todkranke Frau um ihre Altersvorsorge bringen. Für mich sind das Verbrecher, keine Menschen.“

Impressum prüfen

Prüfen Sie das Impressum. Dort muss die Identität und die Adresse des Anbieters genannt sein. Steht dort nur ein Postfach, lassen Sie die Finger davon.

Als Tatjana Halm, Juristin der Verbraucherzentrale Bayern die Summe hört, überschlägt sich ihre Stimme: „50 000 Euro? Wie konnte denn das passieren?“ Halm kennt die Tricks der Betrüger. Aber so einen Fall? „Ich habe ja schon viel gehört, aber dieser Betrag übertrifft alles, was wir bei der Verbraucherzentrale bisher kannten.“

Elisabeth Stamm passt aber in die Zielgruppe. „Die Anbieter bauen darauf, dass ältere Menschen gerade bei Telefonanrufen mit der Situation überfordert sind“, warnt Halm. Wie es überhaupt soweit kommen konnte? „Datenhandel, da müssen wir uns nichts vormachen. Das ist ein riesiger Markt geworden.“ Ein falsches Häkchen bei den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) auf einer Internetseite, und der Anbieter hat freien Zugriff. „Bei diesen Dingen blicke ja zum Teil nicht mal ich durch. Wie soll das dann eine Demenzkranke verstehen“, klagt Erik Stamm.

Vertrag widerrufen

Lesen Sie sich die Vertragsbedingungen durch.  Klicken Sie im Internet keine dubiosen Links an. Besuchen Sie Webseiten von Banken nur über bekannte Internet-Adressen, nicht über Links aus E-Mails. Oft gibt kann der Vertrag binnen zwei Wochen widerrufen werden. Gibt es keine ordnungsgemäße Belehrung über das Widerrufsrecht, gilt die Frist länger.

Er hätte nur eine Chance, das Geld wiederzubekommen: alle verklagen. 50 Firmen, die es zum Teil nicht mehr gibt. Die Erfolgschancen: null. Der Dachauer hat dazu auch keine Kraft mehr: „Das Geld werden wir nie wieder sehen. Damit habe ich mich abgefunden.“
Elisabeth Stamm wohnt nun im Altenheim. Sie hat wieder eine Aufgabe. Sie strickt Schals, Pullis und Socken für die Arbeiterwohlfahrt. „Meine Mutter versucht eben immer noch in ihrem kleinen Kreis, die Welt zu retten“, erzählt ihr Sohn stolz. Nur einmal habe er sie auf „die Sache mit der Bank angesprochen“. Doch seine „Mom“ habe kein Wort verstanden: „Vielleicht ist es besser so. Das ist das einzig Positive an ihrer Krankheit.“

von Christoph Seidl

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