Darum sind Pillen bei uns so teuer

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Viele bunte Pillen – hartes Geld: Medikamente werden in Deutschland immer teurer

Berlin -  Nach bereits 6,3 Prozent 2007 sind die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) für Medikamente im vergangenen Jahr um weitere 5,3 Prozent auf 29,2 Milliarden Euro gestiegen.

Dies geht aus dem gestern in Berlin veröffentlichten Arzneiverordnungs-Report 2009 hervor. Mit­herausgeber und Pharma-Experte Ulrich Schwabe forderte zur Kostenersparnis zentrale Preisverhandlungen mit der Pharmaindustrie. Dieser Ansicht ist auch Dr. Stefan Etgeton , Fachbereichsleiter Gesundheit und Ernährung beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Im Gespräch erklärt er, warum Medikamente bei uns so teuer sind.

Dr. Stefan Etgeton , Pharma-Experte der Verbraucherzentrale

Herr Etgeton , wieso sind die Kosten der gesetzlichen Krankenkassen für Arzneimittel so hoch?

Dr. Stefan Etgeton: Einer der Kostenblöcke sind teure Impfstoffe. Andere Kostentreiber sind die patentgeschützten Arzneimittel, die in Deutschland ohne Preisregulierung auf dem Markt sind. Wenn ein Medikament in Deutschland neu zugelassen ist, kann die Pharmafirma erst einmal jeden Preis verlangen.

Ist das in anderen Ländern anders?

Dr. Etgeton: Ja. Dort gibt es eine staatliche Preisfestsetzung oder es finden – wie in Frankreich – Verhandlungen statt. Dann wird das Medikament gleich zu einem reduzierten Preis auf den Markt gebracht. In Deutschland gibt es das nicht, weil es sich politisch bislang nicht durchsetzen ließ.

Gibt es gar keine Preisregulierung in Deutschland ?

Dr. Etgeton: Wenn ein Medikament in eine Gruppe einsortiert werden kann, weil es keine therapeutischen Zusatznutzen im Vergleich zu anderen bietet, ist es möglich, sofern zumindest zwei weitere existieren, eine Festbetragsgruppe zu bilden. Die orientiert sich dann am unteren Preis-drittel. So kann man nach und nach Reduktionen erreichen. Das greift aber eben nur, wenn es Therapiealternativen gibt.

Warum gibt man hierzulande nicht immer den Preis vor?

Dr. Etgeton: Wenn es politisch gewollt wäre, würde man das schon umsetzen. Die Lobby der Pharmahersteller ist aber relativ stark. Es gibt zwar auch bei uns die Möglichkeit, dass Krankenkassen Rabatte aushandeln, was im generischen Bereich relativ intensiv passiert. Doch bei den patentgeschützten Arzneimitteln ist das Instrument mit den Rabattverträgen bisher noch nicht so schlagkräftig.

Um wie viel teurer muss es denn noch werden, dass die Politik aktiv wird?

Dr. Etgeton: Neue Instrumente sind ja auf dem Weg, etwa für neue innovative Medikamente die Kosten-Nutzen-Bewertung, die über das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit läuft, um dann einen Höchstbetrag festzusetzen. Aber das Institut arbeitet im Moment noch an der Methodik und es wird ein sehr langwieriges Verfahren. Ich bin inzwischen etwas skeptisch, ob dieses Schwert am Ende möglicherweise stumpf ist, weil das Verfahren zu lange dauert. Denn während der Prüfung von zwei, drei Jahren können die Pharmahersteller den hohen Preis ja weiterhin verlangen. Um weiter zu sparen würde übrigens auch die konsequente Nutzung von generischen Medikamenten helfen.

Wie erfolgt die Preisfindung denn in anderen Ländern?

Welche Druckmittel haben der Staat und die Krankenkassen gegen die Pharmafirmen in der Hand?

Dr. Etgeton: Sie können sagen: „Dann gibt es eben für dieses Medikament keinen Zugang auf den Markt.“ Es gibt auch Länder, in denen Medikamente sehr viel später erst auf den Markt kommen. Das ist die Kehrseite der Medaille: Wir sind in Deutschland in der privilegierten Position, sehr schnell an neue Medikamente heranzukommen.

Interview: M. Brommer

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