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Trans*-Verband zum neuen kirchlichen Arbeitsrecht: „Reform nützt uns nichts“

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Von: Robert Wagner

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Trans* Person und Katholische Kirche.
Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) kritisiert die „Intransparenz“ in der katholischen Kirche. © Cavan Images/IMAGO/Sebastian Gollnow/dpa

Die Katholische Kirche hat ihr Arbeitsrecht überarbeitet und will das Privatleben ihrer Angestellten weniger beurteilen. Trans* Menschen geht das nicht weit genug.

Am 22. November gab die Deutsche Bischofskonferenz eine Reform des Arbeitsrechts der Katholischen Kirche bekannt. Nach monatelangen Diskussionen verabschiedeten die 27 katholischen Bischöfe Deutschlands am Dienstag, 22. November, eine entsprechende Änderung der „Grundordnung des kirchlichen Dienstes“, und feierten diese als großen Erfolg für Diversität. „Explizit wie nie zuvor wird Vielfalt in kirchlichen Einrichtungen als Bereicherung anerkannt“, heißt es in einer Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz.

Reform des kirchlichen Arbeitsrechts wurde schon lange gefordert

Eine Reform dieser „Grundordnung“ wurde schon länger gefordert. Anfang des Jahres outeten sich 125 der insgesamt rund 800.000 Arbeitnehmer:innen in der katholischen Kirche und der Caritas als queer. Die Mitglieder der queeren Reformbewegung „#OutInChurch“ forderten ein Ende der Diskriminierung queerer Menschen durch das kirchliche Arbeitsrecht. Mit dem bisher geltenden Arbeitsrecht konnte es sie laut Deutscher Presse-Agentur (dpa) nämlich den Job kosten, wenn sie sich beispielsweise zu einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft bekannten – oder auch nur nach einer Scheidung erneut heirateten.

Mit der Reform der Grundordnung sollen zukünftig alle Mitarbeiter:innen „unabhängig von ihren konkreten Aufgaben, ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrem Alter, ihrer Behinderung, ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Identität und ihrer Lebensform Repräsentantinnen und Repräsentanten der unbedingten Liebe Gottes und damit einer den Menschen dienenden Kirche sein“ können, so entschied die Bischofskonferenz. Unerlässlich bleibe allerdings „eine positive Grundhaltung und Offenheit gegenüber der Botschaft des Evangeliums.“

Lebensführung der Mitarbeiter:innen nicht mehr im Fokus – „mehr als notwendig“

Zu den wichtigsten Änderungen der „Grundordnung“ gehört die Einführung des „Instititutionen-orientierten Ansatzes“ zur Wahrung der katholischen Identität der jeweiligen Einrichtung. Das bedeutet, nicht mehr die Mitarbeiter und deren Lebensführung stehen im Fokus oder werden beurteilt. Der kirchliche Arbeitgeber selbst und seine Führungskräfte tragen „zuerst Verantwortung für den Schutz und die Stärkung des kirchlichen Charakters der Einrichtung“, wie die Bischöfe ausführten.

„Die Neufassung, dass der Kernbereich privater Lebensgestaltung jetzt keinen rechtlichen Bewertungen mehr unterliegt, war mehr als notwendig, ist aber wohl auch der Personalnot geschuldet“, sagte Christian Weisner von der Reformbewegung „Wir sind Kirche“ der dpa. „Dies bedeutet hoffentlich ein Ende von Diskriminierungen und ein Ende der Heimlichtuerei aus Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes, zum Beispiel für geschiedene wiederverheiratete Paare oder homosexuell lebende Menschen.“

Interessenvertreter:innen queerer und speziell trans* und inter* Menschen sehen die Reform des kirchlichen Arbeitsrechts noch kritischer. Diese Personengruppen sind von in besonderem Maße von queerfeindlicher Diskriminierung und Gewalt betroffen.

Die Kirche verneine weiterhin die Existenz von trans* und inter* Menschen

Petra Weitzel von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) sagt auf Anfrage von BuzzFeed News DE, einem Portal von IPPEN.MEDIA, die dgti begrüße die Fortschritte im kirchlichen Arbeitsrecht grundsätzlich und freue sich für lesbische, schwule und bisexuelle Menschen, dass zumindest diese besser geschützt seien. Im Hinblick auf trans*, inter* und non-binäre (abgekürzt tin*) Menschen sieht sie allerdings noch großen Nachholbedarf.

Seit dem Massenouting durch „Out in Church“ sei klar, dass trans*, inter* und nicht-binäre (tin*) Personen in der katholischen Kirche um ihren „Arbeitsplatz fürchten müssen, wenn sie aus der Anonymität heraustreten“, so Weitzel. „Solange diese Kirche nur von Geschlecht spricht und nicht auch offiziell von geschlechtlicher Identität, verneint sie die Existenz von tin* Personen in der Kirche, und leistet damit einer speziellen Form der Unterdrückung Vorschub.“

Es bleibe weiterhin ein großes Maß an „Intransparenz“ im Umgang mit trans* und inter* Menschen in der katholischen Kirche bestehen. „Wer sich mitteilt, wird erpressbar, wer sich nicht mitteilt, muss seinen Leidensdruck aushalten, bis es nicht mehr geht. Das bedeutet entweder Transition (Geschlechtsangleichung) mit wahrscheinlicher Kündigung oder Krankheit, eventuell bis in den Suizid.“

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„Diese Reform des Kirchenrechts nützt uns nichts“

Die Einführung des „Institutionen-orientierten Ansatzes“ helfe nicht weiter, so Weitzel von der dgti. „Das erlebte Geschlecht, die Geschlechtsidentität, kann man auch am Arbeitsplatz nicht verstecken und ist für jeden sichtbar. Diese Reform des Kirchenrechts nützt uns tin* Personen also nichts.“

Weitzel bedauert gegenüber BuzzFeed News DE auch, dass die Deutsche Bischofskonferenz keine Vertreter:innen der trans* und inter* Verbände zu einer Stellungnahme eingeladen habe. „Stattdessen finden in verschiedenen Bistümern Veranstaltungen zu ‚Queer‘ statt, bei denen fast regelmäßig offen trans*feindliche Moraltheolog:innen sprechen“, sagt sie.

Die dgti gehört zu den Trägerorganisationen der Medieninitiative #TransMedienWatch, die die Medien für einen umsichtigeren Umgang mit Trans-Themen sensibilisieren will.

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