Sucht bei Senioren nimmt zu

Berlin - Das “Koma-Trinken“ wird bisher vor allem als ein großes Problem von Jugendlichen wahrgenommen. Doch die Alkoholsucht spielt auch älteren Menschen zunehmend eine Rolle.

Fast 26 000 Kinder und Jugendliche mussten im Jahr 2008 ins Krankenhaus gebracht werden, weil sie im “akuten Rausch“ waren, elf Prozent mehr als im Jahr zuvor. Doch noch erschreckender ist der Trend bei Senioren: Mehr als 2200 Menschen zwischen 70 und 75 Jahren wurden ebenfalls im Krankenhaus behandelt, weil sie sich teilweise bis zur Bewusstlosigkeit betrunken hatten. Das waren nach Zahlen des Statistischen Bundesamts 15 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Bei den 85- bis 90-Jährigen schnellen die Zahlen noch deutlicher nach oben. Das Bundesgesundheitsministerium schätzt, dass bis zu 400 000 ältere Menschen ein Alkoholproblem haben. Das “riskante Trinken“ von Alkohol ist nach Zahlen des Ministeriums von 2008 vor allem bei 60- bis 64-Jährigen sehr hoch, gefolgt von der Altersgruppe der 50- bis 59-Jährigen.

Der Auslöser für eine Sucht kann zum Beispiel der Verlust eines Partners sein, der Übergang von der Berufstätigkeit in den Ruhestand oder ein anderes einschneidendes persönliches Ereignis. Doch es geht längst nicht nur um Alkoholsucht. Auch die Abhängigkeit von Medikamenten nimmt zu.

Bis zu 2,8 Millionen der über 60-Jährigen nehmen nach Ansicht der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) so viele Medikamente, dass es problematisch ist. “Fünf Prozent aller verschriebenen Medikamente auf dem deutschen Markt besitzen ein Suchtpotenzial“, sagt DHS-Experte Armin Koeppe. Vor allem Schlafmittel würden gern von Älteren eingenommen. Dies kann nach seiner Einschätzung schnell zu Abhängigkeit führen. Das zieht weitere Probleme nach sich. So gibt es zum Beispiel mehr als eine Million Stürze von Senioren im Jahr.

Die Bundesdrogenbeauftragte Mechthild Dyckmans (FDP) kennt das Problem der Sucht von Senioren. Derzeit gibt es mehrere Programme, die Abhängigkeit von Alkohol oder Medikamenten im Alter bekämpfen sollen. Ein Pilotprojekt in Baden-Württemberg ist nach Einschätzung des Gesundheitsministeriums vielversprechend.

Dabei wird ein Medikamentenentzug zu Hause getestet. Ärzte und Apotheker arbeiten hierbei eng zusammen. Der Apotheker macht Hausbesuche und reduziert die Dosis des Patienten. Mehrere Modellprojekte in Deutschland vor allem in der Alten- und Suchthilfe sollen nach den Plänen des Gesundheitsministeriums gefördert werden, um die Vorsorge zu verbessern und leichter erkennbar zu machen, wer betroffen ist.

Marc-Oliver von Riegen

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