Opfer haben immer noch Schmerzen

OP-Skandal im Altmark-Klinikum: Urteil nach fast zehn Jahren entsetzt Patienten

Die Opfer des Gardelegener OP-Skandals leiden nach fast zehn Jahren immer noch.
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Die Opfer des Gardelegener OP-Skandals leiden nach fast zehn Jahren immer noch. (Symbolbild)
  • Holger Benecke
    VonHolger Benecke
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Jetzt wurden die geführten Prozesse zum Gardelegener OP-Skandal beendet. Die Opfer sind entsetzt.

  • Auch Ärzte, die damals den OP-Skandal aufgedeckt hatten, sind über das Urteil entsetzt.
  • Dr. T., der damalige Leiter des Wirbelsäulen-Zentrums, hatte vor Prozessbeginn eine Geldstrafe von 45.000 Euro gezahlt und wird nicht mehr angeklagt.
  • Bish heute leiden Opfer des Skandals Schmerzen – die AZ hat mit ihnen gesprochen.

Salzwedel – Für die Opfer, die ohnehin allein gegen den Operateur und das Altmark-Klinikum klagen müssen, ist das „die blanke Verhöhnung“ – besonders mit Blick auf die Ergebnisse. Doch auch Ärzte, die damals den OP-Skandal aufgedeckt hatten, sind über das Urteil entsetzt. Und auch darüber, dass nach fast zehn Jahren überhaupt erst ein Prozess in Gange kam.

45.000 Euro bezahlt und kein Prozess

Doch der Reihe nach: Für den Zeitraum Ende 2011 bis Anfang 2013 wurde in 471 Fällen eine „falsche Rechnungsstellung“ im Wirbelsäulen-Zentrum des Altmark-Klinikums Gardelegen festgestellt*. Zirka eine Million Euro musste das Klinikum an die Krankenkassen zurückbezahlen. Hintergrund sind die Praktiken des ehemaligen Leiters des Wirbelsäulen-Zentrums.

Ein weißrussischer Honorararzt soll damals Abrechnungen für Operationen geschrieben haben, die nie stattgefunden hatten bzw. von Assistenzärzten ausgeführt* worden waren. So lauten auch die Vorwürfe, wegen derer die Staatsanwaltschaft Stendal wegen Abrechnungsbetrugs ermittelte.

Dr. T., der damalige Leiter des Wirbelsäulen-Zentrums, hatte aber vor Prozessbeginn Ende vergangenen Jahres eine Geldstrafe von 45.000 Euro gezahlt und wird nicht mehr angeklagt. Die Verhandlung gegen den Assistenzarzt N. Ende Januar dieses Jahres, in der der Arzt freigesprochen wurde (wir berichteten), war die letzte verbliebene Verhandlung rund um das ehemalige Wirbelsäulen-Zentrum im Altmark-Klinikum. Daneben laufen einige Zivilprozesse von Patienten auf Schmerzensgeld.

Bis heute eine Tortur

Dass das die letzte Verhandlung gewesen sein soll, kann die Salzwedelerin Gerda M. (Name geändert), deren Lebensgefährte ebenfalls gegen den Operateur und das Klinikum klagt, einfach nicht glauben. Ebenso nicht, dass der Prozess erst nach fast zehn Jahren begonnen hatte und im Handumdrehen über die Bühne gegangen war, und der Zivilprozess ihres Lebensgefährten immer noch nicht terminiert wurde.

Dafür erlebte das Paar eine jahrelange und dubiose Gutachterschlacht. Gerda M. spricht von Willkür: „Mein Lebensgefährte ist 2012 in Gardelegen an der Wirbelsäule operiert worden, und damit sind wir voll in den OP-Skandal des Altmark-Klinikums reingeschlittert. Bis zum heutigen Tag ist es eine Tortur für uns.“

Ihr Mann habe seine Arbeit verloren, weil er sich nie wieder erholt habe. Nach über 40 Jahre Arbeitsleben musste das Paar sein Leben komplett umkrempeln. Es folgten sehr viele Arztbesuche und eine weitere OP an der Wirbelsäule – nicht in Gardelegen – um ein Implantat zur Stärkung der Wirbelsäule einzusetzen.

Trauer um couragierten Chefarzt

Nebenbei lief schon die Klage gegen den damaligen Arzt, der die OP durchgeführt hatte und gegen das Altmark-Klinikum. „Wir mussten viele Hürden nehmen. Ob es das Arbeitsamt, die Rentenstelle, vom Gericht bestellte Gutachter waren oder die Anwälte der Gegenparteien. Wir mussten kämpfen bis zum heutigen Tag und es ist noch nicht vorbei. Nun schon fast zehn Jahre“, sagt Gerda M.

Zwischendurch seien immer wieder Hiobsbotschaften, wie zum Beispiel über den Tod des ehemaligen Chefarztes Dr. Bernd Falkenberg, gekommen. Der hatte mit seinen Ärzten den OP-Skandal aufgedeckt. „Er hat uns bis zu seinem Tod immer zur Seite gestanden – egal, ob gegen die Ablehnung der EU-Rente oder gegen die Ablehnung des Antrages auf Schwerbehinderung. Wir wurden diskriminiert, als Trittbrettfahrer oder von den Medien beeinflusst betitelt“, schildert Gerda M. den Leidensweg des Paares.

„Es ging an unsere Substanz“

„Wir mussten von einem vom Gericht bestellten Gutachter zum nächsten, und so vergingen die Jahre, und unsere Finanzen schrumpften immer mehr. Sehr oft wussten wir nicht weiter – es ging an unsere Substanz“, ist Gerda M. den Tränen nahe. Und weiter: „Mein Mann bekam immer stärkere Medizin bis hin zu Morphium, damit er die Schmerzen überhaupt ertragen konnte.“

Dazu kamen immer wieder die Fahrten zum nächsten Gutachter. Was das bringen sollte, konnten die beiden nicht nachvollziehen, denn jedes Mal konnten sie nur mit dem Kopf schütteln, wenn sie die Gutachten lasen: „Hinhaltetaktik oder Verschleppen des Verfahrens?“, fragt sich Gerda M.

„Ein ganz schlauer Gutachter wurde vom Arbeitsamt beauftragt. Der hatte meinen Mann nicht einmal gesehen und gab sein Gutachten an das Arbeitsamt ab, das diesem natürlich folgt“, ist Gerda M. immer noch entsetzt.

Gerda M. spricht von gutachterlicher Willkür

„Beim psychologischen Gutachter in Niedersachsen musste mein Mann sich das Grinsen verkneifen, da dieser nach eigener Aussage auf einem Flohmarkt die ehemaligen Orden der DDR ,Banner der Arbeit I und II‘ erworben hatte und diese an seiner Kleidung trug“, war die nächste krasse Erfahrung.

Und dann das: „Ein orthopädischer Gutachter vermerkte unter anderem über meinen Mann wie folgt: ,Zur Untersuchung erscheint Herr ... in sauberer und geordneter Kleidung, und es sind entfernbare Gebissteile vorhanden. Seine Schuhe sind sauber.‘“ Der nächste Psychiater habe laut Gutachten seine Gedanken scheinbar ganz wo anders gehabt, vermutet Gerda M.: „Denn nach seinem Gutachten hätte mein Mann seine Lehre abgebrochen – was keineswegs stimmt. Laut Gutachten kenne ich meinen Mann seit fünf Jahren – wir sind aber schon 17 Jahre liiert. Und wieder der Satz: ,Herr ... kommt zur Begutachtung gepflegt und in ordentlicher Kleidung.‘

Mein Mann ist seit der OP in Gardelegen durchgehend krank geschrieben, und seine Schmerzen sind nur noch durch Opiate zu ertragen.“

Vier Mal unnötig unterm Messer

Seit acht Jahren hat auch die Salzwedelerin Christa M. (Name geändert) endgültige Gewissheit: Alle vier Operationen, die der damalige Leiter des Wirbelsäulen-Zentrums im Gardelegener Altmark-Klinikum, Dr. T., und sein Assistenzarzt N. vorgenommen haben, waren nicht notwendig. Auch sie klagt seitdem. Und auch sie hat bislang noch keinen Prozesstermin. Christa M. wurde seinerzeit noch von dem neuen Chefarzt der Neurochirurgie, Dr. Ralf Dörre, begutachtet. Er hatte die Nachsorge der Opfer im Gardelegener OP-Skandal für das Klinikum übernommen, verließ aber wenige Zeit später das Krankenhaus wieder.

Tumor entpuppte sich als simple Blutblase

Wie die damals 41-jährige Christa M. von ihm erfuhr, werde sie noch einmal unters Messer müssen. Für die Salzwedelerin ein Horror. Hatte der weißrussische Arzt sie doch zwischen August 2011 und Oktober 2012 insgesamt vier Mal auf den OP-Tisch gelegt. Doch: Christa M. hätte eine ganz andere Behandlung benötigt, um endlich ihre unerträglichen Schmerzen loszuwerden. Nämlich nur ein paar Spritzen, um eine Unterernährung ihrer Wirbelknochen wieder auszugleichen. Da dies aber nicht behandelt wurde, muss sie nun wirklich unters Messer, um eine weitergehende Schädigung abzuwenden.

Die Auswertung ihrer MRT (Magnet-Resonanz-Tomografie) und der Röntgenbilder zeigten damals deutlich, was der Wirbelsäulenspezialist Dörre schon längst diagnostiziert hatte. Der angebliche Tumor, den die Altmärkerin an der Wirbelsäule haben sollte – so die Diagnose des weißrussischen Arztes – war eine simple Blutblase.

Derselbe Wirbel zweimal entfernt

Doch damit nicht genug: Nachdem der angebliche Tumor und ein Wirbel entfernt waren, stabilisierte der Weißrusse die Wirbelsäule der Salzwedelerin mit einem sogenannten Wirbelersatz. Eine OP, die noch besser vergütet wird und von den Kassen auch bezahlt worden ist. Das Perfide: Laut Patientenakte wurde Christa M. derselbe Wirbel von Dr. T. gleich zweimal entfernt.

Damit immer noch nicht genug: Es wurde gar kein Wirbelersatz in ihrem Rücken verbaut, sondern lediglich Zement in den Hohlraum der abgelassenen Blutblase gespritzt.

Völlig unklar ist auch, was der Honorararzt bei drei Bandscheiben-OP an Christa M. eigentlich getan hat. In den Protokollen sind diese vermerkt und auch bei den Kassen abgerechnet worden. Die Patientin hat auch die Narben. Doch auf den MRT-Bildern ist nichts zu sehen.

Chefarzt Dr. Ralf Dörre, der sich selbst einmal einer solchen Operation unterziehen musste, konnte nichts erkennen. Zu Christa M. sagte er nach der Begutachtung: „Bei meinen eigenen Aufnahmen kann ich ganz genau sehen, wo der Operateur entlanggegangen ist. Ihr Gewebe hingegen ist jungfräulich.“

Bis heute Dauerschmerzen

Die jetzt 48-Jährige leidet seitdem unter chronischen Dauerschmerzen. Sie wurde in den vergangenen acht Jahren lediglich ein einziges Mal von den Strafverfolgungsbehörden, sprich der Staatsanwaltschaft Stendal, befragt. Gutachten wurden nicht verlangt. Allerdings ist bislang auch noch nichts geschehen, kein Prozesstermin in Sicht.

Dr. Dörre legte bereits Anfang Mai 2013 nach erster Begutachtung der Patienten des Honorararztes T. ein vernichtendes Ergebnis vor: 22 von 30 Patienten wurden im Wirbelsäulen-Zentrum des Gardelegener Altmark-Klinikums operiert, ohne dass dies notwendig war. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen auch Hannoveraner Gutachter, die vom Klinikum beauftragt worden waren: „Da lagen 75 Prozent der Patienten auf dem OP-Tisch, die gar nichts hatten“, machte Chefarzt Dr. Ralf Dörre das ganze Ausmaß deutlich. Der renommierte Neurochirurg ist der Nachfolger des Operateurs. Dieser, ein weißrussischer Honorararzt, warb zu dieser Zeit bereits mit einer Homepage via Internet für seine neue Praxis am Kurfürstendamm in Berlin, bot dort unter anderem Wirbelsäulen-OP an. Sein Motto: „Bei uns steht der Patient im Zentrum unseres Handelns, deshalb beginnt und endet die Behandlung für uns nicht mit einem operativen Eingriff.“

Doch wie dessen Praxis in der Vergangenheit aussah, das wissen zahlreiche Patienten in der Altmark nur zu gut. Zwei sind gestorben. Dr. Dörre hatte die Unterlagen selbst noch einmal unter die Lupe genommen. Sein Urteil: „Das ist ärztliches Unvermögen und unethisch – das ist schlichtweg Körperverletzung.“

Engagierte Ärzte

Zwölf Ärzte, darunter sechs Chefärzte, hatten bereits seit September 2011 die Geschäftsleitung, Geschäftsführer Matthias Hahn (jetzt Klinikgeschäftsführer der Helios St.-Marienberg-Klinik Helmstedt) und den Ärztlichen Direktor, Dr. Michael Schoof (Altmark-Klinikum), informiert und waren seitdem Sturm gegen die Praktiken im Wirbelsäulenzentrum gelaufen.

Dazu gehörte auch der Abrechnungsbetrug gegenüber den Krankenkassen. 2011 informierten die um das Patientenwohl besorgten Ärzte in ihrer Not dann auch den Aufsichtsratsvorsitzenden des Altmark-Klinikums, Landrat Michael Ziche. *AZ-Online ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

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