Wie eine Jugendbande eine Kleinstadt terrorisiert

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Das mutmaßliche Mitglied der Douglas-Bande Robert K. (rechts) als Angeklagter im Totschlags-Prozess vor dem Landgericht: Sein Anwalt hat jetzt die Freilassung gefordert.

Uelzen - Prügel, Schutzgelderpressung, Zeugen-Einschüchterung: Wie eine Jugendbande die Kleinstadt Uelzen in Niedersachsen terrorisiert.

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Es sind Szenen, die an den brutalen Schläger-Angriff in einem Berliner U-Bahnhof erinnern: Ein junger Mann schlägt einen Passanten mit einer Bierflasche nieder, als das Opfer halb bewusstlos und wehrlos am Boden liegt, hagelt es Tritte auf den Kopf. Der 41-Jährige hatte einem Pärchen helfen wollen, das nachts von einer Gruppe bedrängt worden war. Seine Zivilcourage hätte er fast mit dem Leben bezahlt: Auf der Intensivstation stellt Ärzte unter anderem einen Bruch der Stirnhöhle, der Nase und ein Schädel-Hirn-Trauma fest.

Der brutale Angriff ereignete sich nicht in der Bundeshauptstadt, sondern in der Provinz: Seit nunmehr mehreren Monaten terrorisiert eine Jugendbande die kleine Kreisstadt Uelzen im Nordosten Niedersachsens. In Ermittlerkreisen werden die rund ein Dutzend Heranwachsenden zwischen 18 und 21 Jahren nur die Douglas-Bande genannt. Denn die Mitglieder mit arbabischem und osteuropäischem Hintergrund treffen sich zumeist vor der gleichnamigen Parfümerie in der Innenstadt. Von dort ziehen sie in wechselnder Besetzung los, um Ärger zu machen. In Geschäften werden Verkäuferinnen angepöbelt und übelst beleidigt („Halt's Maul, du Schlampe“).

Die Jugendlichen bedienen sich ungeniert aus den Auslagen, werfen Verkaufstische um – in manchen Läden herrscht längst ein Klima der Angst. Nachts zieht die Bande gezielt los, um Ärger zu machen und zu prügeln. So auch an jenem 2. Juli, an dem eine Auseinandersetzung eskaliert und ein Täter zur Bierflasche greift. Die Schläger flüchten, ein Verfolger, wird von anderen Mitglieder der Gruppe bedrängt und muss aufgeben.Die Nachforschungen gestalten sich schwierig für die Polizei, schließlich ermittelt sie zwei 19-jährige als mutmaßliche Täter. Das Amtsgericht greift durch, erlässt Haftbefehle wegen versuchten Totschlags. Das scheint den Rest der Bande aber wenig zu beeindrucken.

Einen Mittwochmorgen sind plötzlich die Autoreifen eines Geschäftsmannes in der Innenstadt platt, wenige Stunden später stürmen drei Heranwachsende in seinen Laden, ziehen ein Messer und fordern die Herausgabe von Schutzgeld. Der Kaufmann erlebt die wohl schlimmsten Minuten seines Lebens. Aber er bleibt standhaft, alarmiert die Polizei – „denn es kann doch nicht sein, dass Jugendliche diese Stadt terrorisieren und keiner unternimmt etwas“, sagt er später. Die Polizei kommt den mutmaßlichen Täter schnell auf die Schliche, es gibt drei weitere Haftbefehle – und seitdem ziehen Familienmitglieder der fünf Untersuchungshäftlinge alle Register, um Zeugen und Opfer einzuschüchtern. So werden einem Türsteher die Reifen zerstochen, einen Tag später ruft der Bruder eines Angeklagten an und fordert ein Treffen. Zu dem kommt auch der Vater eines weiteren Angeklagten.

Gemeinsam setzt man eine neue Aussage auf, mit der die mutmaßlichen Täter entlastet werden. Vor Gericht schildert der Türsteher das Treffen dann ganz anders als bei der Polizei. Wer ihm die Reifen zerstochen habe, wisse er nicht, den Bruder des Angeklagten habe er „zufällig“ getroffen, zufällig sei man dann in das Lokal gegangen, wo ebenso zufällig der Vater des anderen mutmaßlichen Täters wartete... Auch der Geschäftsmann, der die Schutzgelderpressung anzeigte, bekommt Besuch vom Vater eines Verdächtigen. Wenn er seine Aussage ändere, werde er kein Problem haben, soll der Vater ihm gesagt haben – eine indirekte Drohung, die eine strafrechtliche Verfolgung schwierig macht. Als der Geschäftsmann betonte, er werde bei seiner Aussage bleiben, soll der Mann ihm Geld geboten haben.

Der Kaufmann lehnte ab, der Vater zog wieder ab. Bei der Polizei ist der Auftritt des Vaters in dem Innenstadtgeschäft bekannt. „Wir sind höchst sensibel bezüglich dieser Vorgänge und auch der gesamten Thematik“, betont Polizeisprecher Kai Richter. „Wir stehen im engen Kontakt mit dem Betroffenen“. Beim Vater des einen Inhaftierten habe man eine so genannte „Gefährdungsansprache“ gehalten, dass er solche Aktionen zu unterlassen habe. Seit den fünf Festnahmen sei es ruhig geworden um die Douglas-Bande, heißt es übereinstimmend bei Polizei und Geschäftsleuten. Denn die fünf Inhaftierten gelten als Rädelsführer, der Rest weitgehend als Mitläufer. Einer der Angeklagten im Prozess wegen versuchten Totschlags vor dem Landgericht Lüneburg hofft derweil auf seine baldige Haftentlassung. Schließlich habe ihn kein Zeuge identifizieren können, begründete der Anwalt seinen Antrag.

Von Thomas Mitzlaff

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