Mehr als die Hälfte aller Covid-19-Toten

Corona wütet in deutschen Pflegeheimen besonders stark: Maßnahmen haben „große Spuren hinterlassen“

Ein Bewohner sitzt im Altenpflegeheim „Am Erlenbruch“ im Rollstuhl in seinem Zimmer.
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Viele ältere Menschen klagen in den aktuellen Corona-Zeiten über Einsamkeit.

Isolation und Einsamkeit: Diese Dinge beschäftigen viele Bewohner von Alten- und Pflegeheimen. Die Situation ist ernst - und das nicht nur wegen steigender Corona-Zahlen.

  • Das Coronavirus* grassiert in Alten- und Pflegeheimen besonders.
  • Mehr als die Hälfte der Covid-19-Toten gehen auf Pflegeheime zurück.
  • Neben den gesundheitlichen Risiken beschäftigen die Menschen vor Ort auch andere Dinge.

Würzburg - Das Coronavirus beeinträchtigt das ganze Land, betrifft eine Bevölkerungsgruppe allerdings besonders: Ältere Menschen in Pflegeheimen. Sie zählen aufgrund ihres Alters und eventuellen Vorerkrankungen ohnehin zur Risikogruppe*. Eine Infektion mit einem schweren Verlauf gilt bei ihnen als wahrscheinlicher. Obendrein bekommen sie aber auch andere Schattenseiten der Pandemie zu spüren. Nebenwirkungen, die nicht unmittelbar die eigene Gesundheit betreffen, dennoch aber sehr schmerzhaft sein können: Isolation und Einsamkeit.

Corona in deutschen Pflegeheimen: Mehr als die Hälfte der Covid-19-Toten aus diesem Bereich

Aus Angst vor einer flächendeckenden Corona-Ausbreitung schotten sich viele Pflegeheime ab. Beispiele wie Würzburg oder Wolfsburg, wo mehrere Heimbewohner an den Folgen von Covid-19* gestorben sind, schrecken ab. Insgesamt seien nach einer Studie der Uni Bremen bis zum Sommer 60 Prozent aller Covid-19-bedingten Todesfälle in Pflegeheimen gezählt worden, obwohl nur ein Prozent der Bevölkerung in einer solchen Wohnform lebe.

Corona in deutschen Pflegeheimen: „Die Menschen fühlten sich einfach verlassen“

Wie ernst die Situation auch abseits von Sorgen um eine Infektion sein kann, kann sich so mancher Außenstehender wohl nur schwer vorstellen. Die strikte Isolation in den Heimen beschäftige die Menschen vor Ort sehr. Das Alleinsein, das viele Bewohner auch aufgrund der Kontaktbeschränkungen erlebten, habe „große Spuren hintelassen“, erklärte Ulrike Kempchen von der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen jüngst gegenüber dem Deutschlandfunk. Die Menschen vor Ort hätten teilweise gar nicht verstehen können, welchen Sinn die Besuchsverbote hatten: „Sie fühlten sich einfach verlassen.“

In den Sommermonaten, in denen die Fallzahlen im ganzen Land zurückgegangen waren, hat es auch weniger Corona-Fälle in Pflegeheimen gegeben. Mittlerweile ist aber auch hier wieder ein deutlicher Anstieg zu erkennen. Die Stadt Wuppertal meldete Ende vergangener Woche 50 Neuinfektionen in Alten- und Pflegeheimen, in einem Hannoveraner Heim für Demenzkranke waren es etwa 30, in ganz Hessen 666. „Die Lage ist ernst“, meinte ein Sprecher des Kreises Offenbach dahingehend gegenüber op-online.de*.

Corona in deutschen Pflegeheimen: Lieber tot als einsam

Miriam Preuß ist Heimleiterin der St. Nikolaus-Unterkunft in Würzburg und schildert der Deutschen Presse-Agentur den Satz eines Bewohners, der ihren „harten inneren Konflikt“ widerspiegelt: Er sterbe lieber an Corona, bevor ihn keiner mehr in den Arm nimmt.

Die Hand eines geliebten Menschen beim Sterben halten, sei es durch einen Angehörigen oder einen Seelsorger, hat für Preuß Vorrang. In St. Nikolaus durften daher mit Corona infizierte Bewohner besucht werden. „Der Besuch muss in diesem Fall mit dem Gesundheitsamt abgesprochen werden und es muss eingewilligt werden, sich danach in Quarantäne zu begeben“, sagt Preuß. Andere Heime sind strikter und erteilen Besuchsverbot. Einerseits wird die Gesundheit der Heimbewohner dadurch geschützt. Andererseits leiden sie darunter jedoch. Auf andere, seelische Weise. (as mit Material der dpa) *Merkur.de und op-online.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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