Bahn rätselt über Saunazüge

Berlin - Die Bahn kann das Klimadesaster in ihren Zügen weiterhin nicht erklären. Allerdings kam jetzt heraus, dass die Kühlungen ohnehin schwach auf der Brust sind. Die älteren Anlagen bewegen sich bei 32 Grad am Limit.

Der Ausfall etlicher Klimaanlagen in Fernzügen gibt der Deutschen Bahn Rätsel auf. An mangelnder Wartung soll es nicht liegen. Auch ein systematischer technischer Fehler liege nicht vor, versicherte die bundeseigene Bahn am Donnerstag. Der Verkehrskonzern räumte aber ein, dass bei den Modellen ICE 1 und 2 die volle Kühlleistung nur bei Außentemperaturen bis 32 Grad gewährleistet sei. Bei den Baureihen ICE 3 und ICE T liegt das Limit bei 35 Grad. Wird es heißer, kühlen die Anlagen schwächer.

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Seit vergangenem Freitag seien bei insgesamt 5500 Fernzugfahrten in 48 Fällen Klimaanlagen ausgefallen, sagte Personenverkehrschef Ulrich Homburg am Donnerstagabend in Berlin. Im Regionalverkehr gebe es dagegen keine besonderen Auffälligkeiten, da die Klimaanlagen bei diesen Zügen anders ausgelegt seien. Am vergangenen Samstag waren in einem überhitzten ICE mehrere Schüler kollabiert, neun von ihnen wurden in Bielefeld ins Krankenhaus gebracht.

Erste Strafanzeigen eingegangen

Bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld gingen erste Strafanzeigen ein. Die Behörde ermittelt gegen den ICE-Zugchef wegen des Verdachts auf fahrlässige Körperverletzung und unterlassene Hilfeleistung. Es geht um die Frage, ob der Mann den Zug früher hätte anhalten müssen, nachdem die Klimaanlage ausgefallen war. Für den Fahrgastverband Pro Bahn und den Bundesverband der Verbraucherzentralen könnten die defekten Anlagen ein Fall von fahrlässiger Körperverletzung sein.

Bahnvorstand Homburg sagte, gehäuft seien die Ausfälle in den vergangenen Tagen nur bei den 44 Zügen der ICE-2-Flotte aufgetreten, nicht jedoch bei den Modellen ICE 1, ICE 3 und ICE T. “Die Klimaanlagen haben bislang gemäß ihrer zum Zeitpunkt der Produktion geltenden Auslegung ohne Auffälligkeiten funktioniert.“ Sie seien “erst jetzt in Teilen der ICE-2-Flotte durch die extreme Hitze an die Grenze ihrer Belastbarkeit gekommen“.

Die Bahn hatte eine gemeinsame Arbeitsgruppe mit den Herstellern gebildet. Sie entdeckte bei den ICE 2 weder Mängel bei der Wartung noch bei der Konstruktion. “Wir haben nicht ein defektes Bauteil gefunden“, sagte Homburg. “Warum diese Klimaanlagen ausfallen, das ist für uns nach wie vor nicht geklärt.“ Offensichtlich entstehe in einem Kühlkreislauf ein Druck, der einen Sensor auslöse. Ab einer bestimmten Temperaturschwelle führe dies zu einer Abschaltung der Anlage. Später seien die Anlagen dann aber wieder funktionsfähig.

Die Auslegung auch der älteren Klimaanlagen habe zum Zeitpunkt der Beschaffung den Standards des Welteisenbahnverbandes UIC entsprochen. Die Kühlaggregate der neuen ICE-3-Generation, die von 2011 an eingesetzt werden, seien für bis zu 40 Grad ausgelegt.

Konsequenzen für Wartungen

Als Konsequenz aus der Pannenserie der vergangenen Tage will die Bahn bei der regelmäßigen Wartung der Klimaanlagen “ab sofort noch einmal besonders“ mit einer Art Doppelcheck deren Leistungsfähigkeit überprüfen. Auf längere Sicht würden die Klimaanlagen in die bereits beschlossene Generalüberholung der ICE-2-Flotte für 100 Millionen Euro einbezogen. Die Bahn beginnt mit der Überholung der 44 Züge im November dieses Jahres. Der Hersteller Siemens wollte zu den Kühlproblemen keine Stellung nehmen.

In einem Brief forderte der Präsident des Eisenbahn-Bundesamts, Gerald Hörster, den Bahnvorstand am Mittwoch auf, seinen Pflichten nachzukommen. “Die Vorfälle geben hinreichenden Anlass zu der Annahme, dass nicht gewährleistet werden konnte, dass die Risiken für die Fahrgäste auf ein verantwortbares und rechtlich zulässiges Maß beschränkt geblieben sind“, wird Hörster in der “Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ zitiert.

Einen neuen Vorfall gab es am Donnerstag: Nach einem Schaden an der Oberleitung blieb ein ICE auf der Bahnstrecke nördlich von Bamberg liegen. Dadurch fiel auch die Klimaanlage im Zug bei rund 35 Grad Außentemperaturen aus. Nach Angaben der Bahn mussten die rund 200 Fahrgäste knapp 90 Minuten im Zug warten, bis Ersatzbusse für die Weiterfahrt nach Bamberg zur Verfügung standen.

Zugbegleiter auf weitere Ausfälle vorbereitet

In einer internen Handlungsanweisung bereitete die Bahn ihre Zugbegleiter auf weitere Ausfälle von Klimaanlagen in den nächsten Tagen vor. Das Personal solle die Anlagen “bei zu erwartenden Außentemperaturen von mehr als 32 Grad bereits vorausschauend“ so einstellen, dass die Klimaanlage die Fahrgasträume um mindestens fünf Grad herunterkühlt werde. So werde “die Gefahr der Überlastung der Kälteanlage stark reduziert“, zitierte die “Bild“-Zeitung aus dem Schreiben. Homburg sagte, Fahrgäste hätten inzwischen bereits Hitze- Entschädigungen erhalten. Die Bahn bietet dafür Reisegutscheine an.

Die Linke forderte eine Sondersitzung des Bundestags- Verkehrsausschusses Anfang kommender Woche. Dort müssten die Verantwortlichen bei Bahn, Regierung und Herstellern erklären, wie sie die unhaltbaren Zustände schnell in den Griff bekommen wollten. Auch SPD und Grüne verlangten umfassende parlamentarische Aufklärung.

dpa

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