Amokläufer von Ansbach war "ein ganz normales Kind"

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Ein rot-weißes Absperrband an der Schule in Ansbach. Dahinter Schülerinnen, die versuchen, das Erlebte zu verarbeiten.

Ansbach - Vor der Schule brennen Kerzen, am Eingangstor halten Eltern ihre traumatisierten Kinder im Arm: Einen Tag nach dem Amoklauf am Gymnasium in Ansbach herrscht blankes Entsetzen.

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Psychologen und Notseelsorger kümmern sich in der Turnhalle der Schule um die verängstigten und traurigen Kinder. Etwa 150 der knapp 700 Schüler hätten am Freitag die psychologische Betreuung in Anspruch genommen, erzählt Schulleiter Franz Stark. "Das Spektrum reicht von tiefer Betroffenheit, von Tränen bis hin zu dem Wunsch, wieder zur Normalität überzugehen." Die Staatsanwaltschaft wirft Georg R. versuchten Mord in zehn Fällen vor. Inzwischen wurde Haftbefehl erlassen.

Bilder: Ansbach am Tag nach dem Amoklauf

Ansbach: Der Tag nach dem Amoklauf

Die Polizei hat die Schule abgeriegelt. Die Schüler werden von den zahlreichen Journalisten abgeschirmt. Doch es ist klar: Alle rätseln darüber, was den 18-jährigen Georg R. zu der schrecklichen Tat getrieben hat. Er galt als introvertierter Schüler, ist in psychotherapeutischer Behandlung. Auf dem "Caro" besuchte der Abiturient den Deutsch-Leistungskurs. Auch in einer der beiden Theatergruppen der Schule engagierte er sich: "Ich kann mich sogar noch an Auftritte mit ihm erinnern", erzählt Schulleiter Stark.

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Die Eltern des Täters leben getrennt. Sein Vater wohnt in einem zweistöckigen grauen Haus an einer Ausfallstraße im Süden der Stadt. Die Nachbarn sind fassungslos. "Ich habe früher mit Georg im Garten fangen und verstecken gespielt", erzählt ein junger Mann. "Aber ich hatte schon ewig lang keinen Kontakt mehr zu ihm." Seine beiden Schwestern seien bei der Trennung zur Mutter gezogen, die nur wenige hundert Meter entfernt in einem Doppelhaus wohnt. Auch davor stehen am Freitag Polizeiwagen. Auf der Straße habe er immer gegrüßt, erzählt eine Nachbarin, und ihr Sohn fügt hinzu: "Er war ein ganz normales Kind."

Wann sich der Täter zu seinen Motiven äußern kann, ist völlig unklar. Er liegt im künstlichen Koma, nachdem er von einem Polizisten mit fünf Schüssen niedergestreckt worden war - wenige Minuten, nachdem er seine Schule am Donnerstagmorgen um kurz nach halb neun betreten hatte, bewaffnet mit fünf Molotow-Cocktails, vier Messern mit langer Klinge und einer Axt.

Oberstaatsanwältin Gudrun Lehnberger zeichnet den Ablauf am Freitag nochmals genau nach. Es ist der dritte Tag des neuen Schuljahrs, die Kinder und Jugendlichen sitzen in der ersten Unterrichtsstunde des Tages. Georg R. läuft in den dritten Stock und wirft zwei Brandsätze in die Klasse 10b. Die Kleider von Schülern fangen Feuer, auch Tische und Stühle beginnen zu brennen. Panisch rennen die Schüler aus dem Zimmer. Doch vor der Tür lauert der Amokläufer, in der Hand die Axt. "Dort schlug der Täter wahllos auf die Schüler und den Lehrer ein", berichtet Lehnberger.

Eine 15-Jährige trifft er mit Wucht am Kopf; in einer siebenstündigen Operation wird die Schülerin gerettet. Eine gleichaltrige Klassenkameradin erleidet schwere Brandverletzungen. Nach acht Minuten trifft die erste Polizeistreife ein. Der Amokläufer hat inzwischen zwie weitere Brandsätze in ein anderes Klassenzimmer geworfen und sich danach in der Toilette verschanzt. Dort spüren ihn die Beamtin und ihr Kollege auf. Doch Georg ergibt sich nicht, geht nach Angaben der Oberstaatsanwältin mit einem Messer auf den Polizisten los. Dieser feuert daraufhin fünf Schüsse aus seiner Maschinenpistole ab.

Am Tag danach legen Mitschüler rote und weiße Rosen vor der Schule ab. Auch den elfjährigen Nick zieht es zurück an den Ort. "Ich habe heute Morgen auch die Zeitung gelesen", erzählt der Siebtklässler, der alles über das Geschehen wissen will. Seine Mutter hatte sich in der Nacht große Sorgen gemacht, wie ihr Sohn das Erlebte wohl verkraften würde: "Ich bin ein paar Mal aufgestanden und habe nach ihm geschaut - aber er hat ruhig geschlafen", sagt die 39-Jährige und streichelt den Kopf des blonden Buben.

von Elke Richter und Ira Kugel

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