Nachruf auf Philip Seymour Hoffman

Einer, der selbst Nebenrollen adelte

New York  - Er war einer der bekanntesten Unbekannten in Hollywood: Philip Seymour Hoffman. Den Schauspieler, der gestern tot in seiner Wohnung in New York aufgefunden wurde, kannten die Zuschauer vor allem als Nebendarsteller.

Den Namen des blonden Mannes mit dem schelmischen Grinsen und dem Blitzen in den Augen konnten viele sich nicht merken. Doch die Leidenschaft, mit der er selbst kurze Auftritte adelte, blieb auch nach Filmende im Gedächtnis. Hoffman hatte das Talent, Nebenrollen wie Hauptrollen wirken zu lassen – ohne sich dabei in den Vordergrund zu spielen. Allein dreimal wurde er für den Oscar als bester Nebendarsteller nominiert: für seine Leistung in „Der Krieg des Charlie Wilson“ (2007), in „Glaubensfrage“ (2008) und dem Sektendrama „The Master“ (2012), wo er sich ein packendes Schauspiel-Duell mit Joaquín Phoenix lieferte. Gewonnen hat er den wichtigsten Filmpreis der Welt ein Mal – als bester Hauptdarsteller. Doch dazu später.

Der 46-Jährige spielte oft die unglücklichen, einsamen Männer, die selten auf der Sonnenseite des Lebens zu Gast waren. Männer, die oft nur Nachnamen trugen – wie Brandt in „The Big Lebowski“ (1998) der Brüder Ethan und Joel Coen. Brandt ist der geborene Lakai – in diesem Fall jener des Millionärs Jeffrey Lebowski, mit dem die Hauptfigur des Films permanent verwechselt wird. Und wenn Brandt, tief gebeugt und mit der ganzen Kraft seines kleinen Körpers, die schweren Schwingtüren zu den Gemächern des steinreichen, zynischen Lebowski öffnete, dann legte Hoffman in dieses Türaufstemmen das ganze Leben der Figur. Wir Zuschauer ahnten, was für ein armes Würstchen dieser Brandt eigentlich ist. Wir hatten Mitgefühl – und wir fanden Brandt komisch.

Und eben das war Philip Seymour Hoffmans Kunst: Er zeigte traurige Männer, verlassene Männer, schwache Männer und Männer am Rande des Abgrunds immer auch als Menschen. Nie verriet er seine Figuren, nie lieferte er sie der Lächerlichkeit aus. Wir schmunzelten über diese Typen. Sie auszulachen hätten wir nie gewagt.

Hoffman – und das nötigt Respekt ab – hat sich, seit er im Jahr 1991 erstmals vor einer Kamera gestanden hat, sehr oft für die komplexeren, abseits der großen Studios realisierten Stoffe interessiert. Natürlich machte er Popcorn-Kino, darunter Filme wie „Twister“ (1996), „Patch Adams“ (1998), „Roter Drache“ (2002) oder „Mission: Impossible III“ (2006). Ein großes, vor allem junges Publikum hat ihn gerade in der Erfolgsproduktion „Die Tribute von Panem – Catching Fire“ in den Kinos gesehen.

Viel lieber wirkte Hoffman, der 1967 in New York zur Welt kam, jedoch in ungewöhnlichen Filmen mit, von denen nicht immer gleich klar gewesen ist, ob sie ihr Publikum finden: Sei es in „Der talentierte Mr. Ripley“ (1999) oder „Magnolia“ (1999), in dem herrlich schrägen „Boogie Nights“ über die Porno-Szene der Siebzigerjahre oder in „Almost Famous“ über eine Zeit, als Musikerkarrieren noch nicht in Castingshows konzipiert wurden.

Im Jahr 2005 übernahm Philip Seymour Hoffman die Titelrolle in „Capote“ – und fand einen bestechend klaren Zugang zur Figur des legendären Schriftstellers: Selbstverliebt gockelte er über die Leinwand, zelebrierte zynisch den Dauerrausch, den der Erfolg des Romans „Frühstück bei Tiffany“ Truman Capote beschert hatte. Doch hinter der Fassade des erfolgsverwöhnten Pfaus zeigte Hoffman stets die Seelenqual des Einsamen, der sich in die Recherche über einen vierfachen Mord an einer Farmersfamilie stürzt. „Kaltblütig“ wird der Roman heißen, den Capote darüber schreiben wird. Ein Bestseller.

Oscar-Preisträger Philip Seymour Hoffman: Bilder seiner Karriere

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Der Titel meint die Tat, beschreibt aber auch treffend Capote, wie Hoffman ihn hier spielt, und dessen Arbeitsweise: Auf der Jagd nach der besten Geschichte nimmt dieser Mann keine Rücksicht – weder auf seine Gesprächspartner noch auf sich selbst. Sein facettenreiches Spiel, sein Pendeln zwischen der kalten Gier Capotes und dessen tiefsitzendem Schmerz markierte Hoffmans Durchbruch in Hollywood – und bescherte dem Meister der Nebenrollen 2006 den Oscar als bester Hauptdarsteller.

Natürlich ist es Spekulation, dass Hoffman seelisch verletzte Charaktere deshalb so gut spielen konnte, weil er sie besser verstand als viele andere. Der Vater dreier Kinder hat in Interviews offen über Drogenmissbrauch in der Vergangenheit gesprochen. Nun wird gemutmaßt, eine Überdosis sei die Todesursache. Die Wahrheit werden die Ermittlungen ans Licht bringen.

Fakt ist: Mit Philip Seymour Hoffman ist ein großartiger Schauspieler gestorben. Und fehlen wird nicht nur das Blitzen seiner Augen.

Michael Schleicher

Rubriklistenbild: © dpa

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