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Als „Ellentie“ bekannte Moderatorin Ellen Tiedtke (91) ist tot

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Von: Julia Volkenand

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Ellen Tiedtke ist im Alter von 91 Jahren gestorben.
Ellen Tiedtke ist im Alter von 91 Jahren gestorben. © Thomas Schulze/dpa

Ellen Tiedtke ist tot. Die Moderatorin, die ihren großen Erfolg in der DDR feierte, starb im Alter von 91 Jahren.

Berlin - Am deutschen Fernsehhimmel ist ein Stern erloschen: Moderatorin Ellen Tiedke ist tot. Sie war ein wahres Multitalent, machte sich als Schauspielerin, Kabarettistin und Sängerin verdient. Doch auch durch ihre kritischen Äußerungen über das Leben in der DDR sorgte sie damals immer wieder für Aufsehen. Es folgten harte Konsequenzen: Auf Geheiß der Kulturfunktionäre wurde sie eine Zeit lang fast nirgendwo mehr engagiert. Dann bekam sie die Chance ihres Lebens: Sie wurde Ellentie, Moderatorin der gleichnamigen beliebten Kindersendung im DDR-Fernsehen.

Tiedke war schon seit Jahrzehnten im Ruhestand, am Dienstag nun verstarb sie im hohen Alter von 91 Jahren in Berlin. Das bestätigten ihr Biograf, der Verleger Jürgen Klammer, sowie die mit Tiedtke vertraute Autorin Inge Trisch am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

„Ellentie“ ist tot: Sie lebte für die Bühne

Tiedtke, geboren 1930 im damaligen Ostpreußen, stand schon als Kind gern mit Darbietungen im Mittelpunkt. „Soweit ich mich erinnere, habe ich mich immer in den Vordergrund gespielt, wenn zu Hause Besuch da war, habe Gedichte aufgesagt und getanzt“, erzählte sie als Rentnerin der dpa. Ihre Mutter sei eine „große Theatergängerin“ gewesen. Dann musste die Familie fliehen, zog nach Schwerin - und für Ellen stand fest: Sie wollte nach dem Abi unbedingt auf einer Theaterbühne stehen. Doch dieser Beruf war von Anfang an mit Hürden verbunden. 

In Leipzig studierte sie. „In jenen Jahren kamen Leute aus Berlin, um uns anzuschauen. Aber sie sagten uns, dass es in der ganzen DDR keine Stellen am Theater für uns gibt“, berichtete sie. Dann habe einer ihrer Hochschullehrer den Intendanten des Cottbuser Theaters getroffen - und Tiedtke bekam dort einen Drei-Jahres-Vertrag. Danach ging es für ein Jahr nach Frankfurt (Oder) - „und dann hatte ich wieder das Problem: Wohin?“

Ellen Tiedtke stirbt mit 91 Jahren: Sie eckte mit DDR-Kritik an

Weil es an den Theatern keine Stellen gab, bewarb sie sich bei der Leipziger Pfeffermühle - und wurde 1956 Kabarettistin. Doch damit wurden die Probleme größer. Im Programm „Rührt Euch“ hieß eine Textzeile: „Wir wollen ja nur, dass das Leben so wird wie in der Zeitung.“ Das gefiel den DDR-Funktionären nicht. Tiedtke berichtete: „Da wurde ein ausgewähltes Publikum reingesetzt, das gebuht hat. Die Bühne wurde gestürmt - und das Programm abgesetzt.“ Der Vorfall am 15. Dezember 1956 war ein staatlich inszenierter Tumult.

Tiedtke zog nach Berlin* und wurde schließlich Ensemble-Mitglied des bekannten Kabaretts Distel. Viele ihrer Szenen schrieb ihr Mann Hans Rascher. Nach sieben Jahren war aber wieder Schluss. Auf einer Betriebsversammlung hatte sich Tiedtke kritisch etwa über die zwei Direktoren der Kabarett-Bühne geäußert: „Ich hab gefragt: Was ist hier an der Distel los? - Da rastete der Parteisekretär total aus“, berichtete sie Jahrzehnte später.

Der Kabarett-Autor Klammer beschreibt Tiedtke im Buch „Beim Barte des Proleten“ über die Geschichte der Distel als „die ewig Aufmüpfende, die sich in alles Einmischende, die ... ob ihrer ständigen Kritik an Unzulänglichkeiten als ewiger Störenfried geltende Moralistin mit dem überaus stark ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit.“

Ellen Tiedkte verstorben: Sie war Schauspielerin, Kabarettistin, Sängerin

Tiedtke kündigte an der Distel - und wurde Sängerin, interpretierte etwa Lieder im Stile Claire Waldoffs. 1964 erschien die Single „Du bist ein feiner Mann/Fahr‘ doch allein Karussell“ - darauf Tiedtke mit kurzem Haar und Hut. Auch in Heinz Quermanns Sendung sang sie - und eckte wieder an: Ein Lied, das sie immer wieder singen sollte, sei „eine Lobhudelei der DDR“ gewesen, berichtete sie später. Als sie entschied, es nicht mehr darzubieten, war auch dieser Job passé.

„Und bei mir schwieg danach das Telefon. Kein Auftrag kam mehr“, blickte sie zurück. Die DDR-Konzert- und Gastspieldirektion habe damals den Kulturinstitutionen verboten, sie zu engagieren.

Dann kam doch noch der große Durchbruch: Im Jahr 1983 startete im Fernsehen eine Kindersendung mit dem Namen „Ellentie“ - mit Tiedtke als witziger wie tollpatschiger Moderatorin. Mit ihren Zöpfen, der Latzhose und dem Ringelpulli sah sie eher aus wie ein Mädchen. „Ich war eine alterslose Person, die Kinder nicht mit erhobenem Zeigefinger belehrte, sondern ihre Fehler machte“, sagte sie über diese Rolle. Statt als Kabarettistin den Alltag der DDR zu kritisieren, bespaßte sie nun die Jüngsten.

DDR-Liebling Ellen Tiedtke ist tot

Immer mittwochs lief die Sendung unter dem Motto „Filme, Spaß und sonst noch was“. Das Magazin wurde schnell so beliebt, dass die Sendezeit verschoben wurde, weil zeitgleich die Pioniernachmittage stattfanden. „Es gab Krach mit den Schülern, sie wollten Ellentie sehen“, erinnerte sich die Entertainerin. Sie habe Wäschekörbe voll mit Kinderbriefen bekommen.

Erst nach dem Mauerfall* wurde die Show 1991 eingestellt, als Tiedtke 61 Jahre alt war. Danach zog sie sich aus der Öffentlichkeit zurück. „Wenn die Ellentie nicht gewesen wäre, würde ich heute ein bisschen verbittert dasitzen“, erzählte die verwitwete Künstlerin vor ihrem 90. Geburtstag im Frühjahr 2020. Erst im Dezember musste sich die deutsche Schauspielszene von Komiker Mirco Nontschew verabschieden, der nur 52 Jahre alt wurde*. (jv/dpa) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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