In Tangermünde soll an Sowjet-Häftlinge aus Osterburg und anderen Orten erinnert werden

„Zu viele Jahre davor gedrückt“

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Das historische Gebäude gehört der Kommune, die damit auch das letzte Wort zur Tafel hat.

Osterburg / Tangermünde. „Ich habe die Namen von ungefähr 50 Osterburgern gefunden und auch die von Arendseern, Stendalern und anderen Menschen aus dieser Gegend.

"Sie alle sind wahrscheinlich über das Sammellager Tangermünde nicht zuletzt in das sowjetische Speziallager Sachsenhausen gelangt und dort zum großen Teil umgekommen. Liese-Lore Hopp möchte an das Schicksal der Verstorbenen, deren Leichen oftmals in Massengräbern verscharrt worden seien, am liebsten mit einer Metall- oder Steintafel am Schloss Tangermünde erinnert sehen. Dort befand sich ein Sammelpunkt für den Weitertransport der Häftlinge. In die Debatte ist durch ein Treffen am Dienstag Bewegung gekommen. Der Stadtrat soll sich möglichst bald mit dem Thema befassen.

Hopps Vater starb in Sachsenhausen, vermutlich an den Haftbedingungen. Alwin Kempe hatte als Lehrer unter anderem in Heiligenfelde und Erxleben bei Osterburg gearbeitet und war 1933 der NSDAP beigetreten. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er von Rotarmisten weggeschafft. Edda Ahrberg und eine Mitautorin haben seinen Lebensweg und den anderer nachgezeichnet. „Unter jenen, die Anfang 1945 verhaftet wurden, waren natürlich viele NSDAP-Mitglieder, aber nicht immer waren es wirklich aktive Nazis. Ihre Schuld wurde nicht geprüft“, so die frühere Leiterin der Gauck-Behörde in Magdeburg. In Tangermünde etwa seien 50 Menschen betroffen gewesen, in Grieben bis zu zwölf. Noch gebe es viele Fragezeichen.

Die Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) unterstützt Hopps Initiative. Johannes Rink, der Landesvorsitzende aus Magdeburg, sucht auch nach weiteren Sammelpunkten in der Altmark (die AZ berichtete), zwei sind bislang bekannt, neben Tangermünde ist es Gardelegen. Dort weist bereits eine Tafel am Gericht auf die Geschichte des Hauses hin. Eine erste Initiative für Tangermünde vor mehreren Jahren sei leider ins Leere gelaufen.

„Über die Zeit in der sowjetischen Besatzungszone ist in der DDR wenig gesprochen worden. Über 40 Jahre Schweigen – da sind viele Spuren verwischt“, meint Birgit Neumann-Becker, die das Treffen im Schloss-Hotel moderierte. Vermutliche seien Heimkehrer und ihre Familien auch oftmals traumatisiert. Da die Zeitzeugen immer weniger würden, sei ein Stück weit auch Eile geboten. „Es wird höchste Zeit, das Thema muss in die Stadt hinein“, so die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen.

Melanie Busse, die in der Burg ein Hotel betreibt, erkennt die Initiative an und möchte das Thema gerade jungen Leuten unbedingt ins Aufgabenheft geschrieben sehen. Allerdings sei das Hotel nun einmal ein „Ort der Fröhlichkeit“, an dem auch Geburtstage und Hochzeiten stattfinden. Da dann auf einer Gedenktafel direkt am Haus von 260 Gefangenen und mehr zu lesen, sei für sensible Gemüter sicherlich eine ziemliche Belastung.

Ein Argument, das niemand einfach so vom Tisch wischen will. Hopp kann sich auch eine Stele auf der Grünfläche davor gut vorstellen. Christine Pfaff (SPD) denkt an eine Plexiglastafel, den Denkmalschutz und eine neuartige Ausstellung im Burgmuseum, die aber den Bogen bis 1933 spannen sollte. Pfaffs Großvater, ein KPD-Mitglied, saß in einem Konzentrationslager der Nazis. Tiemo Schönwald (FST) will ebenfalls am Thema dranbleiben: „Wenn wir ehrlich sind, haben wir uns wegen der touristischen Perspektiven doch zu viele Jahre davor gedrückt.“ Stadtratsvorsitzender Hermann Curdts (CDU) hat Textvorschläge für eine mögliche Gedenkfläche von Hopp und Ahrberg mit auf den Weg bekommen und kann diese in einer der nächsten Sitzungen vorstellen. Die Debatte gewinnt allmählich an Fahrt.

Von Marco Hertzfeld

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