Sowjetlager in Elbestadt: Berliner Verein will offensiver aufklären

Stalin-Opfer schärfen ihren Blick

Ein historisches Treffen: Liese-Lore Hopp (4.v.l.), Tochter eines Inhaftierten, Birgit Neumann-Becker, Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Mitglieder von AG und VOS Magdeburg sowie weitere Interessierte kommen im März 2015 in Tangermünde zusammen. Der wichtigste Tagesordnungspunkt: ein Gedenkort auf dem Burgberg.
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Ein historisches Treffen: Liese-Lore Hopp (4.v.l.), Tochter eines Inhaftierten, Birgit Neumann-Becker, Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Mitglieder von AG und VOS Magdeburg sowie weitere Interessierte kommen im März 2015 in Tangermünde zusammen. Der wichtigste Tagesordnungspunkt: ein Gedenkort auf dem Burgberg.
  • Marco Hertzfeld
    VonMarco Hertzfeld
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Tangermünde – Sieben Jahre und mehr ist um einen Gedenkort in Tangermünde gerungen worden. Seit Oktober 2016 erinnert eine Stele auf dem Burgberg an Zivilisten, die dort nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von der sowjetischen Besatzungsmacht interniert wurden.

Mit drei Veranstaltungen an zwei Tagen am Ende dieses Monats will die Arbeitsgemeinschaft (AG) Lager Sachsenhausen 1945  – 1950, ein Verein, weiter in die Offensive gehen und stärker mit Bürgern ins Gespräch kommen. „Um Nachkriegsunrecht kritisch zu beleuchten, an unschuldige Opfer zu erinnern und für heute und künftig einen wachen Blick zu besitzen“, meint AG-Vorsitzender Joachim Krüger aus Berlin.

Die Sowjets sperrten 1945 nicht zuletzt Funktionsträger des Hitler-Regimes, Nationalsozialisten und Menschen, die sie für Nazis hielten, im Kapitelturm, dem früheren Amtsgericht und der Alten Kanzlei ein. Oftmals ohne Haftbefehl, ohne Beweise einer Schuld, heißt es aus der AG. Der Leidensweg führte häufig weiter aus dem Sammellager in Speziallager und Gefängnisse. Einer dieser Orte war das früherer NS-Konzentrationslager Sachsenhausen. Liese-Lore Hopps Vater Alwin Kempe kehrte von dort nie wieder nach Hause zurück, sie gilt als eine der Vorkämpferin für den Gedenkort in der Altmark. In der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) in Magdeburg fand Hopp Verbündete.

Häftlinge landen in früherem KZ

Die Gedenktafel ist nicht unumstritten, der Standort im Park und nicht direkt am Hotel zudem ein Kompromiss.

Hart erkämpft und nicht ganz unumstritten: Die Gedenktafel steht seit Oktober 2016. So mancher Tangermünder fürchtet um das Image der Tourismusstadt.

Wie viele Menschen das Lager in Tangermünde durchliefen, scheint noch immer nicht ganz abschließend geklärt. Es müssen zumindest etliche Hundert gewesen sein. Bekannt seien sechs Transporte von August bis September 1945 mit insgesamt 491 Häftlingen nach Sachsenhausen, die vermerkt oder nachvollziehbar die so geschichtsträchtige Stadt in der Altmark als Abgangsort hatten. Das Sammelgefängnis dürfte bis November 1945 bestanden haben, heißt es in einer Broschüre von 2017. Herausgegeben von Hopp und Reinhard Klaus, beide Mitglieder der AG.

Forscher rücken Altmark in den Fokus

Neuere Forschungsergebnisse könnten in diesem Monat erläutert werden. Der leicht sperrige Titel des Treffens: „Gedenken an über 800 von Tangermünde und Stendal in das Speziallager Sachsenhausen Verschleppte aus Altmark, Börde und Harzvorland.“ Die öffentlichen Veranstaltungen sind durchaus hochkarätig besetzt. Das Thema des AG-Vorstandsmitglieds Klaus am Sonnabend, 30. März: Haftbedingungen SMT-Verurteilter 1946 im NKWD-Gefängnis Alt-Strelitz, Mecklenburg. SMT meint die sowjetischen Militärtribunale, NKWD Innenministerium und Geheimdienst. Der Vortrag beginnt um 10.15 Uhr im Restaurant des Tangermünder Hotels Sturm an der Arneburger Straße.

Ein Zellentrakt im früheren Stasiknast am Moritzplatz in Magdeburg. Der Komplex ist heute für Sachsen-Anhalt Gedenk- und Forschungsstätte zugleich.

Für den Nachmittag sind zwei Diskussionen in Tangermünde, das als die Touristenstadt in der Altmark gilt, geplant. Eingeladen wird dieses Mal in die Salzkirche am Zollensteig. Beginn: 16 Uhr. „Verhaftungen und Deportationen von Altmärkern im Jahr 1945“ heißt der Vortrag von Dr. Daniel Bohse, Leiter der Gedenkstätte Moritzplatz (ehemaliger Stasi-Knast) in Magdeburg. Ernst-Otto Schönemann ist Zeitzeuge und jahrelanges Vorstandsmitglied der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG).

Sein Thema lautet: „Zwangsaussiedlungen 1952 in Sachsen-Anhalt von DDR-Bürgern mit folgender Zerstörung ihrer grenznahen Dörfer.“

Vortrag, Diskussion, Stele und Kranz

Der Opfer stalinistischer Willkür soll am Tag darauf, 31. März, noch einmal besonders gedacht werden. Vertreter der Stadt, AG-Vorsitzender Krüger und Edda Ahrberg, ehemalige Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen, wollen an der Stele auf dem Burgberg Blumen und Kränze niederlegen. Auch dazu seien interessierte Bürger willkommen. Los geht es um 11 Uhr. Bereits um 9.30 Uhr beginnt ein Gottesdienst mit Pfarrerin Juliane Kleemann aus Stendal im Christophorushaus, 400 Meter vom Burgberg entfernt.

Die beiden Veranstaltungstage in Tangermünde werden laut Organisatoren von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert.

VON MARCO HERTZFELD

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