Vereinschefin sieht Elbestadt vor Umbrüchen - nicht nur wegen Corona

Hansering Tangermünde will schmieden wie nie

Regine Schönberg, Vorsitzende des Hanserings, ordnet vor dem Tangermünder Tourismus-Büro, Ansichtskarten.
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Regine Schönberg ordnet die Ansichtskarten vor ihrem Tourismus-Büro am Marktplatz. Sie engagiert sich zudem seit Jahren im Hansering und in der Kommunalpolitik. Das Vereinszepter führt die Altmärkerin im vierten Jahr.
  • Marco Hertzfeld
    VonMarco Hertzfeld
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Tangermünde lebt vom Tourismus. Der Hansering will das Leben in der Kaiserstadt mitgestalten. Regine Schönberg sieht den Verein vor zusätzlichen Herausforderungen, nicht allein wegen Corona.

Tangermünde – Regine Schönberg erklärt einem Mann am Telefon geduldig, was sich in Tangermünde erleben lässt. Eine Mitarbeiterin bereitet am Computer Infopakete über Tangermünde vor. Sie gehen in diesem Fall nach Rostock und Berlin sowie in den Westen der Republik. Das Tourismus-Büro gehört Schönberg, ein solcher Anlaufpunkt in privater Hand, das ist nicht unbedingt üblich. Zugleich will und muss diese scheinbar Nimmermüde mehr denn je das große Ganze sehen. Sie ist im vierten Jahr Vorsitzende des Hanserings, des Vereins der Gewerbetreibenden und Kaufleute. Welche Spuren der monatelange Corona-Lockdown in der Kaiserstadt hinterlassen hat, kann sie noch nicht einschätzen. „Wir stehen vor einigen Herausforderungen und nicht alle haben etwas mit dem Virus zu tun.“

Jeder Leerstand bereitet Sorge

Die Tourismusstadt habe Gastronomie ohne Ende, womöglich auch Dienstleister. „Wir brauchen mehr Verkaufshandel, Modegeschäfte, einen weiteren Laden mit Waren des täglichen Bedarfs, auch eine Drogerie.“ Eben alles und mehr von dem, was Einheimische und Gäste in einer lebendigen Altstadt so erwarten. Und natürlich: „Besonders willkommen sind Angebote, die dieser Stadt Flair bringen, wir alle leben mit und von Flair. Das kann zum Beispiel spürbar mehr Kunsthandwerk sein.“ Schönberg ist in ihrem Element, in Gedanken geht sie kurz nicht zuletzt die Lange Straße und die Kirchstraße ab. Einiges dürfte sich noch dieses Jahr verändern. „Unsere Töpferin wird wohl leider die Stadt verlassen. Auch der Ossi-Versand zieht aus und wahrscheinlich ein Friseur ein“, sagt sie.

Zahl der Touristen 2020 abgestürzt

Gegründet worden ist der Hansering 1995, aktuell zählt er 57 Mitglieder. Von Hausratsladen und Bauernmarkt über Antikhandel und Goldschmied bis hin zu Gaststätten und Hotels ist vieles organisiert, was in dieser Stadt Rang und Namen hat, durchaus eine Macht. Der Leerstand im Zentrum sei überschaubar, liege vielleicht bei 15 Prozent. „Und doch ist das eine Aufgabe.“ Jede verlassene Ladenzeile schmerze und stehe gerade einer Tourismusstadt nicht gut zu Gesicht. Natürlich könne der Verein bei Privathäusern nicht direkt Einfluss nehmen und an Verhandlungen teilnehmen, bestenfalls vermitteln und Leute zusammenbringen. Inwieweit die Coronakrise zusätzliche Wunden reißt, bleibt abzuwarten. Wer für seinen Laden in Krisenzeiten Miete zahlen muss, hat es besonders schwer.

Tangermünde lebe besonders von den verschiedenen familiengeführten Geschäften, denen möglichst und idealerweise auch das Gebäude gehört. Gewerbetreibende und Kaufleute allesamt können vor allem auf die Touristen setzen. Normale Jahre bescheren der Stadt bei Führungen mehr als 1000 Gruppen und insgesamt circa 18.000 Teilnehmer. An Übernachtungsgästen weist die Landesstatistik mehr als 100.000 im Jahr auf. Wer es nicht weiß: Die Einheitsgemeinde Tangermünde hat allenfalls selbst um die 10.000 Einwohner. Im Coronajahr 2020 sind die Besucherzahlen eingebrochen, bei den Stadtführungen um die Hälfte, bei den Übernachtungen um die 30 Prozent. „Es ist, wie es ist“, hakt Schönberg ab. Zumindest die Bilanz für 2021 lasse sich noch beeinflussen.

Kunsthandwerk und anderes Flair

Veranstaltungen wie Vollmondflair am 23. Juli sollen unbedingt stattfinden, die Vorbereitungen laufen, die sich ändernden Coronaauflagen im Blick. An diesem Tag haben die Geschäfte länger als üblich geöffnet. Geplant ist auch eine mobile Bühne mit Musik, die vier, fünf Punkte anfährt. Die Leute sollen nicht an einer Stelle verharren. Das Kürbisfest zum Töpfermarkt steht für Mitte Oktober im Kalender, der Weihnachtsmarkt und die offenen Höfe im Advent dürften allmählich schon überregional bekannt sein. „Es geht dem Hansering aber nicht nur um Feste an sich, wir wollen das Kulturhistorische von Tangermünde bewahren helfen.“ Das noch junge Grete-Minde-Fest im Mai musste schon das zweite Mal abgesagt werden. Auch White Dinner am 19. Juni dieses Jahres fällt coronabedingt aus.

Schönberg muss für den Hansering und den eigenen Beruf über den Tellerrand schauen. Der Sachsen-Anhalt-Tag 2022 in Stendal beschert Tangermünde viele Übernachtungsgäste. Die Vereinschefin ist fest davon überzeugt. „Das war schon bei der Bundesgartenschau 2015 in der Havelregion so.“ Eigene Veranstaltungen plant der Hansering für die Zeit des Landesfestes in der Kreisstadt nicht. Natürlich habe sie den regionalen Kalender im Blick, größere Veranstaltungen sollten sich nicht überschneiden. Und ja: Das alljährliche Rolandfest in Stendal sei ein weiteres Mal abgesagt worden, auch das traditionsreiche Burgfest in Tangermünde, schade. Corona habe Einschnitte gebracht. „Das alles lässt sich nun einmal nicht mehr ändern, aber anderes nach und nach wieder organisieren.“

Autobahn macht ihr keine Angst

Zur Organisation gehört auch das Straßennetz, das andere im größeren Stil noch einige Jahre neu knüpfen. „Die Autobahn wird die Gäste schneller in die Altmark bringen, das freut sicherlich vor allem die Reisebusunternehmer. Tangermünde wird aber auch ziemlich entfernt von der Trasse liegen. Leute, die noch ein Stück ruhig und bequem über Bundes- und Landesstraßen anfahren wollen, gefällt das. Wir haben also nur Vorteile“, meint Schönberg und lächelt. Befürchtungen, dass potenzielle Besucher durch die A 14 an Tangermünde vorbeifahren könnten, hat sie nicht. „Als die B 188 verlegt wurde, gab es ähnliche Ängste, ein Trugschluss, wie wir heute wissen.“ Was sie sich wünscht: Aus allen Himmelsrichtungen und viele, viele Kilometer vorher eine Beschilderung, die den Weg nach Tangermünde weist. „Daran mangelt es eigentlich schon immer.“

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