Wegen nicht DIN-gerechter und fehlender Deiche zitiert Tangerhütte Reiner Haseloff in den Stadtrat

„Wir müssen weiter Druck machen“

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Hochwasser 2013: Bei Weißewarte wurde eiligst ein Notdeich in die Landschaft geklotzt. Nun soll ein regulärer folgen. Mit den „Alles ist in Butter“–Reaktionen aus der Fachabteilung des Ministers Hermann Onko Aikens geben sich die Tangerhütter Stadträte nicht zufrieden.

Magdeburg/Altmark. „Wir werden nicht ernstgenommen! Wurden wir belogen? Ich bin schockiert! Entsetzen! Chaos! …“

Mit Kraftausdrücken wurde in der Sitzung des Ausschusses „Alternativlose DIN-gerechte Sanierung aller Hochwasserdeiche im Einzugsgebiet der Einheitsgemeinde Stadt Tangerhütte“, kurz Deich-Ausschuss, am Mittwochabend nicht gespart. Bürgermeister Andreas Brohm (parteilos) versuchte die Wogen zu glätten. Doch Ausschussvorsitzender Wolfgang Kinszorra (SPD) legte immer wieder nach.

Die Adressaten des Zorns sitzen in Magdeburg, konkret in Staatskanzlei und Umweltministerium. Um in Sachen Hochwasserschutz Druck zu machen, hatte sich der Ausschuss mit einem Fragenkatalog an Ministerpräsident Reiner Haseloff gewandt. Dieser antwortete sogar persönlich, allerdings nur um mitzuteilen, dass er den Brief an den zuständigen Minister Hermann Onko Aeikens (beide CDU) weiterreicht. Der wiederum zog seine Fachabteilung zu Rate.

Deren Antworten sorgten nun für Empörung. Vom nicht DIN-gerechten Treuldeich, über einen fehlenden Deichabschnitt in Bittkau, den zu klein geratenen Deich bei Buch bis zu den zu mickrig konzipierten neuen Deichen bei Elversdorf, Demker und Weißewarte hatte die Petition verschiedene potenzielle Gefahrenpunkte in der Einheitsgemeinde aufgelistet, die bei einer erneuten Flut zur Katastrophe führen könnten. Auch bei der Deichschau 2015, die Bürgermeister und Ausschussvorsitzender auswerteten, kamen diese zur Sprache.

Die Reaktion aus Magdeburg liest sich, als wäre alles in Butter oder auf bestem Weg. Tenor: Es wird untersucht, geplant, gebaut und alles Notwendige zügig umgesetzt. Alles wird gut. Ein Eindruck, den Ausschuss- und Landtagsmitglied Detlef Radke (CDU) teilt. „Das nächste Hochwasser kommt bestimmt und alles Nötige ist veranlasst, um uns darauf vorzubereiten“, sprang er für die Behörden in die Bresche. Doch genau daran zweifeln die Kritiker.

Begeisterung sieht anders aus: Wolfgang Kinszorra und Bürgermeister Andreas Brohm stellten die Ergebnisse der Deichschau vor.

„Ich habe den Eindruck, dass der Landeshochwasserbetrieb überfordert ist“, sagte Kinszorra. Er warf Radke, Bürgermeister und Ämtern die Verniedlichung des Problems vor. Dass es zwei Jahre nach der Jahrhundertflut in Sachsen-Anhalt noch keine neue Richtgröße für den Deichbau (so genanntes Bemessungshochwasser) gibt, bezeichnete Thomas Kruse (parteilos) als „Unding“. „Wir orientieren uns noch immer an der Richtgröße aus DDR-Zeiten, von 7,45 Metern. 2013 lag der Pegel in Tangermünde bei 8,83 Metern“, sagte er. Sowohl in Sachsen als auch im Land Brandenburg sei man in dieser Beziehung schon viel weiter.

„Unmittelbar nach der Flut wurde alles mögliche versprochen. Davon ist vieles jetzt vergessen“, warf Michael Nagler (SPD) ein. In dieser Meinung war er sich mit den Ausschussmitgliedern nebst Bürgermeister einig. Ihre einhellige Erkenntnis: „Wir müssen weiter Druck machen“. Nächster Eskalationsschritt im Ringen mit Ministerien und Behörden: Ministerpräsident Haseloff soll vor den Stadtrat zitiert werden, um sich persönlich den Fragen zu stellen.

Von Christian Wohlt

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