Zu Besuch bei Notärztin Dr. Imke Spöring in der Johanniter-Rettungswache Tangerhütte

Wenn jede Sekunde zählt

+
Geht ein Notruf ein, eilen die Retter der Johanniter-Wache Tangerhütte zu ihren Einsatzfahrzeugen – dem Rettungswagen (RTW) und dem Notarzteinsatzfahrzeug (NEF). Dann muss es schnell gehen, denn manchmal können Sekunden über Leben und Tod entscheiden.

Tangerhütte. Wenn es um Leben und Tod geht, gibt es jemanden, der sofort zur Stelle ist. Der Beruf des Notarztes ist mit großer Verantwortung verbunden. Fehler bei der Arbeit können sich die Mediziner nicht erlauben, denn diese könnten erhebliche Folgen haben.

„Wenn man einen solchen Beruf ausübt, wird man nicht unaufmerksam“, erklärt dazu Notärztin Dr. Imke Spöring. Die 47-jährige Wahl-Berlinerin verbringt ihre Zeit in der Johanniter-Rettungswache in Tangerhütte, wenn sie nicht gerade Einsätze in Klötze, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen oder Brandenburg fährt.

In der Hauptstadt führt die Fachärztin für Innere Medizin zudem noch eine Privatpraxis. „So wird mir nie langweilig“, schmunzelt sie.

„Man lernt, mit dem Tod umzugehen“

Im Einsatzfahrzeug des Notarztes befinden sich zum Beispiel ein Beatmungsgerät sowie ein Defibrillator.

Um Notärztin zu werden, bedurfte es einer Zusatzausbildung. Seit 2002 ist Imke Spöring nun im Geschäft. 16 Jahre, in denen sie vielen Menschen helfen konnte. Doch als Notarzt erlebt man auch viele schlimme Momente. Schwere Verletzungen, viel Blut – und die Gewissheit, dass bei manchen Menschen jede Hilfe zu spät kommt. „Natürlich ist es immer schlimm, wenn Menschen sterben“, erinnert sich Imke Spöring an vergangene Einsätze. „Aber man lernt mit der Zeit damit umzugehen.“ Dafür sei es wichtig, sich regelmäßig mit den Kollegen auszutauschen. Denn eine psychologische Betreuung werde nur in Ausnahmefällen angeboten.

Besonders im Gedächtnis geblieben ist der Notärztin dieser Einsatz: „Einmal musste ich einen Säugling reanimieren“, erzählt sie. „Das werde ich wohl nie vergessen.“ Das Kind konnte zunächst gerettet werden, verstarb jedoch im Nachhinein.

Nicht alle Fälle sind gleich Notfälle. „Für manche Menschen ist es schwer zu verstehen, dass manche Fälle oberste Priorität haben“, erklärt sie. Zudem bestehe in der Bevölkerung Unsicherheit darüber, wann die Hilfe eines Rettungsdienstes unter der Nummer 112 angefordert werden kann. Das hat fatale Folgen: Zum einen werden Notärzte immer häufiger zu Patienten gerufen, denen auch der Hausarzt hätte helfen können. Unwissenheit führt aber auch dazu, dass akut gefährdete Patienten manchmal zu lange warten, ehe sie den Rettungsdienst kontaktieren. Das ist kritisch, denn „im Notfall zählt jede Sekunde“, meint die 47-Jährige.

„Die 112 ist für lebensbedrohliche Zustände“

Wenn es nicht lebensbedrohlich ist, hilft der ärztliche Bereitschaftsdienst. Über die bundesweit einheitliche Telefonnummer 116 117 sind niedergelassene Ärzte erreichbar, die Patienten in dringenden medizinischen Fällen ambulant behandeln – auch nachts, an Wochenenden und Feiertagen. „Die 112 ist für lebensbedrohliche Zustände“, so Imke Spöring, und sollte zum Beispiel bei Atemnot, Herzschmerz – damit ist nicht etwa Liebeskummer gemeint – oder Unfällen gewählt werden.

Die 47-jährige Notärztin Dr. Imke Spöring liebt ihren Job, den sie inzwischen seit 16 Jahren ausübt. Dafür reist sie von der Hauptstadt aus nicht nur in das altmärkische Tangerhütte.

Ist die Notruf-Leitstelle erst einmal informiert, muss es schnell gehen: Laut Rettungsdienstgesetz des Landes Sachsen-Anhalt müssen die Standorte der Rettungswagen so gewählt werden, dass die Hilfsfrist von zwölf Minuten nicht überschritten wird, Notärzte sollten spätestens nach 20 Minuten am Einsatzort sein – so zumindest die Theorie. „Im ländlichen Raum klappt das nicht immer“, bedauert die Ärztin. Wenn die Einsatzmittel – in Tangerhütte sind es je ein Rettungswagen (RTW) und ein Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) – erschöpft sind, müssen Retter aus angrenzenden Landkreisen zur Hilfe eilen.

Pro Einsatz ist das Team von den Johannitern zwei bis drei Stunden unterwegs. Je nach Fall muss der Rettungsdienst manchmal auch Verstärkung aus der Luft anfordern. Dem Großteil der Einsätze liegen Herz-Kreislauf-Beschwerden zugrunde, wie die AZ erfährt. Auch zu chirurgischen, neurologischen und Kinder-Notfällen rückt das Team der Johanniter regelmäßig aus. „Jede Klinik hat ihr Spezialgebiet“, erklärt die Medizinerin. „Wenn die Beschwerden eines Patienten zum Beispiel in der Uniklinik Magdeburg bestmöglich behandelt werden können, ist der Transport mit dem Rettungshubschrauber sinnvoll.“

„Zusammenarbeit mit Polizei und Feuerwehr wichtig“

Auch die Zusammenarbeit mit Polizei und Feuerwehr ist wichtig, wie die AZ im Gespräch erfährt. Die Brandschützer werden beispielsweise zu Einsätzen mit besonders schweren Patienten herangezogen oder bei Türnotöffnungen nach Verkehrsunfällen.

„Die Polizei kommt eigentlich immer mit raus, wenn Widerstand zu erwarten ist“ – beispielsweise da, wo Alkohol fließt. „Leider passiert es regelmäßig, dass die Leute uns gegenüber aggressiv werden“, berichtet die Notärztin mit ernster Miene. „Das ist wirklich ärgerlich, denn es behindert uns bei der Arbeit.“

Etwa drei- bis viermal pro Schicht rücken die Lebensretter der Johanniter-Wache zum Einsatz aus. An manchen Tagen steigt die Zahl auch mal auf zehn an, wie ein Kollege von der Rettungswache zu berichten weiß. Eine Schicht umfasst meist 24 Stunden. Weil Imke Spöring freiberuflich arbeitet, dauern die meisten ihrer Dienste sogar 48 Stunden. „Natürlich können wir auch schlafen, wenn wir Bereitschaftsdienst haben“, beruhigt die Medizinerin. „Aber wenn nach uns verlangt wird, müssen wir jederzeit bereit sein – auch nachts.“

Eine solche Belastung scheint nur für jene machbar, die ihre Arbeit wirklich lieben. „Und das kann ich definitiv von mir behaupten“, stellt Imke Spöring klar.

Von Charlotta Spöring

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare