Bärbel Richter bietet in Bertingen Assistenzleistungen für Menschen mit Behinderungen an

Tierisches vom „Hof Kleeblatt“

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Frank Schwerin versucht sich am Melken von Ziege Therese. Der 46-Jährige lebt auf dem Hof in Bertingen. Dort fühlt er sich wohl und geborgen.

Bertingen. Das Läuten der Kirchenglocken ist das Startsignal für die Ziegen: Die kleine Herde sammelt sich am Zaun, als dieser geöffnet wird, begeben sich alle gemessenen Schrittes in den Stall. Es ist Melkzeit.

Was den Tieren Erleichterung verschafft, ist zugleich Teil einer Therapie für Menschen mit seelischer oder geistiger Behinderung.

Frank Schwerin versucht sich heute im Melken einer Thüringischen Waldziege. Kaum jemand würde vermuten, dass der 46-Jährige ein Handicap hat. Doch Schwerin hat Schwierigkeiten, bestimmte Dinge zu lernen und sich zu merken. Daher lebt er auf „Hof Kleeblatt“, wo Bärbel Richter Assistenzleistungen für Menschen mit Behinderungen anbietet.

Die 52-jährige Heilerziehungspflegerin hat bei der Lebenshilfe Stendal langjährige Erfahrung als Leiterin eines Wohnverbundes für Menschen mit Behinderung gesammelt, bevor sie vor zwei Jahren ihr eigenes Projekt realisierte. „Manche halten mich für verrückt, dass ich ausgestiegen bin“, erzählt sie. Weil sie in ihrem Job „nur noch Verwaltung“ machte, ließ sie sicheres Gehalt und Dienstwagen hinter sich und erwarb gemeinsam mit ihrem Ehemann Joachim den historischen Vierseitenhof im Altmarkdorf Bertingen.

Das Haus bietet drei separate Wohneinheiten, Küche und Bad nutzen die Bewohner gemeinsam. So hat jeder seine Privatsphäre, bei Bedarf aber auch Gesellschaft: Gemeinsam Kochen, aber auch Mithilfe bei der Versorgung der Tiere, beim Obst- und Gemüseanbau oder bei Reparaturen sind nur einige der möglichen Aktivitäten. Der Öko-Hof verfügt über einen eigenen Hofladen, auch dort ist Unterstützung gern gesehen. Doch es herrscht kein Zwang, jeder bringt sich nach seinem Tempo und seinem persönlichen Maß ein.

Die Tiere – neben den Ziegen gibt es noch Katze, Schweine, Hühner und Kaninchen – sind wichtige Helfer. „Tiere haben so einen Aufforderungscharakter“, sagt Richter. Der Tagesablauf auf „Hof Kleeblatt“ orientiert sich an den Jahreszeiten, gibt Struktur und damit Sicherheit. Die Assistenz, die die Heilerziehungspflegerin ihren Klienten auch außerhalb des Hofes bietet, wird individuell in einer Zielvereinbarung festgelegt und erfolgt so diskret, „dass niemand mitbekommt, dass ich die Unterstützerin bin“.

Momentan sind zwei der drei Wohneinheiten frei, ebenso unbesetzt geblieben sind die beiden Stellen für ein freiwilliges ökologisches Jahr. Wer auf dem Hof leben und arbeiten will, muss das Landleben und die damit verbundene Beschaulichkeit schon mögen – obwohl auch die Städte Tangerhütte, Magdeburg und Stendal recht problemlos zu erreichen sind.

Dankbar ist Richter für die Unterstützung aus dem Dorf und die Aufgeschlossenheit, mit der die Menschen den Hofbewohnern begegnen und sie in die Gemeinschaft integrieren: „Wer hier lebt, hat die Chance ein Bertinger zu werden.“

Von Petra Braig

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