Bürgermeister setzt auf Zeichen und Wunder

Ehemaliger Bahnhof in Tangerhütte: Zug noch nicht ganz abgefahren

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Der Leerstand bekommt dem Gebäude nicht. Kürzlich wurde in einem Teil gekokelt.

Tangerhütte – Eine Katze huscht durch die halb offene Tür. Kein Mensch will ihr folgen. Es riecht modrig, einige Meter weiter immer noch leicht verkohlt. Vor einiger Zeit hat es im früheren Bahnhof in Tangerhütte gebrannt. Das Gebäude steht seit vielen Jahren leer.

Politik und Verwaltung sind einigermaßen ratlos.

Die Fassade ist beschmiert, manche Mauer angeschlagen, der Blick durchs Fenster offenbart weiteres Durcheinander. Auch draußen türmt sich an mehreren Stellen der Abfall. Um in diesem Komplex neues Leben zu sehen, braucht es schon einiges an Fantasie. Sogar von einem Stadtteilzentrum ist die Rede.

Eine wilde Müllkippe am alten Bahnhof.

Andreas Brohm (parteilos) kennt das Grundstück nur allzu gut. Es misst vielleicht 10.000 Quadratmeter, das entspricht knapp eineinhalb Fußballfeldern, schon der Vorplatz erscheint einem riesig. Als der alte Bahnhof vor ein paar Jahren versteigert werden sollte, wollte der Bürgermeister die Stadt mitbieten lassen. Es kam anders und ein Mann vom Balkan habe zugeschlagen. „Wir haben bereits zwei, drei Jahre keinen Kontakt mehr zu ihm. Es kann auch sein, dass es schon wieder einen neuen Eigentümer gibt“, redet das Stadtoberhaupt gegenüber der AZ nicht lange um den heißen Brei herum.

Einfach macht es die Sache dennoch nicht. „Jeder Eigentümer hat Rechte und Pflichten.“ Und mancher warte der Kosten wegen nur darauf, dass die öffentliche Hand eingreife, ein Haus sichere oder gleich abreiße. Ob die Stadt bei einer erneuten Versteigerung mitmischen oder sogar das Grundstück gleich von sich aus kaufen würde, ist für Brohm zu einfach gefragt. „Als Kommune muss es unser Ziel sein, wieder Herr von Gebäuden und Bereichen zu werden, die wichtig sind und das Stadtbild prägen.“ Eine Strategie, die zweierlei voraussetze: einen Stadtrat, der mitzieht, und vor allem: ausreichend Geld.

Der Blick durchs Fenster.

Der Bürgermeister gibt sich vorsichtig und weiß um die Fallschlingen. Dass sich für das marode Alte Schloss im Stadtpark ein Investor gefunden hat, sei ein Glücksfall. „Und wir haben ihn an die Hand genommen, begleitet und beraten.“ Sorgenfälle in der Einheitsgemeinde sieht Brohm noch einige, in der Kernstadt und auch in den kleineren Ortschaften. Irgendwann sollte bitte auch über die Zukunft des ehemaligen Gymnasiums in Tangerhütte entschieden sein. Das landkreisliche Gebäude aus DDR-Zeiten verwahrlost zusehends.

Für Brohm ärgerlich. Zumal Bauland in dieser Lage durchaus knapp sei. Für den ausrangierten Bahnhof gibt es bei aller Zurückhaltung längst Ideen. Kinder und Eltern der Krabbelkäfergruppe könnten sich dort treffen, jugendliche Musikgruppen dort proben und auftreten. „Vorstellbar wäre ein zentraler Anlaufpunkt für Familien und Kinder, ein Multifunktionshaus, ein Mehrgenerationenhaus, ein kleines Stadtteilzentrum, ein Ort, wo sich die Demokratie trifft“, lässt sich Brohm zum Träumen bringen. Der Konjunktiv und viele Fragezeichen bleiben. „Fest steht, dass irgendwann etwas passieren muss, so oder so. Das Gelände neu zu entdecken und zu entwickeln, wäre schon spannend.“

Bislang ist der alte Bahnhof nur eins: ein Schandfleck. „Dabei gehört er zu dieser Stadt einfach dazu und erzählt Geschichte. Ob wir es nun wollen oder nicht, das Gebäude ist auch ein Schaufenster, vor allem die Regionalzüge fahren täglich an ihm vorbei. Und es sieht wirklich nicht schön aus, ein Problem.“ Dass andere Städte mit denselben oder ähnlichen Herausforderungen kämpfen, mache die Sache nicht unbedingt leichter ertragbar. Oftmals befinden sich die Objekte in Privatbesitz, die Bahn hat sie abgestoßen. Der neue Bahnstopp in Tangerhütte befindet sich einige Hundert Meter weiter, ein Gebäude mit Schalter und Wartebereich gibt es nicht.

VON MARCO HERTZFELD

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