Stadt sieht die Tiere eher kritisch

Nagende Invasoren erobern Herzen: Tangerhütter decken Nutrias im Park den Tisch

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Diese junge Nutria zeigt sich im Park bei einigen Menschen handzahm.

Tangerhütte – Die Tiere lassen sich nicht lange bitten. An diesem Nachmittag gibt es für die drei Halbwüchsigen eine Handvoll Karotten. Einer nach dem anderen steigt aus dem Teich und lässt sich von Menschen füttern.

Mitten im Tangerhütter Stadtpark haben sich Nutrias angesiedelt.

Die eigentlich aus Südamerika stammenden Nagetiere fühlen sich im Tangerland pudelwohl. Was so manchen Besucher entzückt, löst in der Stadtverwaltung ziemliches Unverständnis aus. Schließlich unterhöhlen Nutrias das Ufer und können den Pflanzengürtel ratzekahl fressen, sodass seltene einheimische Tiere keinen Lebensraum mehr haben. Die Nutria steht auf der Liste invasiver gebietsfremder Arten für die Europäische Union.

„Wir wissen von dem Phänomen. Bürger sehen in den Nutrias niedliche kleine Tiere und füttern sie bewusst“, sagt Andreas Brohm, der Bürgermeister der Einheitsgemeinde. Über die zunehmende Popularität des fast bibergroßen Nagetiers sei in der Stadtverwaltung bereits gesprochen worden.

„Doch was sollen wir tun?“, zeigt sich Brohm (parteilos) gegenüber der AZ ziemlich ratlos. „Wir könnten ein Schild aufstellen, wir könnten Streife laufen. Doch Verbote machen nur Sinn, wenn man sie durchsetzen und kontrollieren kann.“ Entscheidend sei doch, dass die Bürger eines verstünden: Das Füttern dieser Eindringlinge sei falsch und schädige letztendlich die einheimische Flora und Fauna.

Dass der Nutria der Tisch gedeckt wird, stehe in der Einheitsgemeinde nicht unter Strafe, meint der Verwaltungsleiter. Beim Nachbarn Stendal ist das anders. Der Stadtrat hat Mitte Mai die Satzung über die öffentliche Ordnung verschärft. Wildtiere dürfen im öffentlichen Raum nicht mehr gefüttert werden. Neben Tauben und Wasservögeln werden ausdrücklich Nutria und Bisam, ein Zuwanderer aus Nordamerika, genannt. Wer sich nicht an die Spielregeln hält, dem droht eine Strafe von bis zu 5000 Euro. Die Nutria darf übrigens ganzjährig gejagt werden, unter Beschränkungen während der Aufzucht von Jungen. Wobei Jagden im Stadtgebiet immer kompliziert und nur begrenzt möglich scheinen.

Eingeschleppte Nagetiere haben sich in Tangermünde an einem Regenauffangbecken nahe dem Wohngebiet „Grüne Kuhle“ angesiedelt. Die Stadtwerke sehen Bisamratten, das Kreisumweltamt glaubt eher an Nutrias. So oder so, die Stadtwerke haben sogenannte Lebendfallen aufgestellt und wollen die ungebetenen Gäste umsiedeln.

Die Jagd kommt wegen der nahen Häuser nicht in Betracht. Wobei der Bisam nicht im Jagdrecht steht, was sich allerdings in absehbarer Zeit ändern könnte. Nutria wie Bisam wurden einst wegen ihres Pelzes in Europa angesiedelt, andere brachen aus Zuchtfarmen aus. Laut Landkreis kommt die Nutria in der Altmark derzeit deutlich häufiger vor als der Bisam.

Parkgästen in Tangerhütte dürfte all dies oftmals ziemlich egal sein. Von Nutria-Fans heißt es, dass der jüngste Wurf einmal aus mindestens vier Tieren bestanden habe. Das Trio weist noch nicht die für die Art üblichen orangefarbenen Zähne auf. Die Familie hat sich auf einer Insel im Teich des gut 15 Hektar großen Stadtparks niedergelassen. Von den Elterntieren fehlt offenbar seit geraumer Zeit jede Spur. Regelmäßige Besucher vermuten im AZ-Gespräch, dass sie Wind und Wetter nicht folgenlos überstanden hätten und ihre Körper noch im Bau lägen. Nutrias kommen mit allzu niedrigen Temperaturen in Europa nur recht schwer klar, immer wieder brechen gerade in den Wintermonaten Bestände zusammen.

VON MARCO HERTZFELD 

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