Vor 30 Jahren wurde die Altmark politisch neu gegliedert / Große Folgen für ehemalige Kreisstadt

Als der Kreis Tangerhütte verschwand

+
Vor 30 Jahren wurde der Kreis Tangerhütte aufgelöst. Das brachte nicht nur Veränderungen in der Verwaltung mit sich.

Tangerhütte. Vor 30 Jahren verbreitet sich eine Nachricht wie ein Lauffeuer in Tangerhütte: „Der Kreis wird aufgelöst. “ Die Partei hatte entschieden, der Bezirkstag Magdeburg segnet am 4. Oktober 1987 die Neugliederung der Altmark ab.

Die beiden Mini-Kreise Tangerhütte (509 Quadratkilometer/22. 000 Einwohner) und Kalbe/Milde (427 Quadratkilometer/18. 000 Einwohner) verschwanden zum 1. Januar 1988 – sang- und klanglos.

Bürgerbefragungen, Mitspracherecht, Einspruchsmöglichkeit, Klage vor dem Verwaltungsgericht? Fehlanzeige! Von den 39 Gemeinden des bisherigen Kreises Tangerhütte wurden 31 sowie die Stadt dem Kreis Stendal angegliedert, der Rest dem Kreis Wolmirstedt. Selbst für DDR-Verhältnisse war die Verwaltungsstruktur zu klein geworden. Der Bau des Kernkraftwerkes brachte dem Kreis Stendal einen Boom. Im Süden war das Kaliwerk Zielitz ein Magnet. Beide erweiterten durch die Zerschlagung des Kreises Tangerhütte ihr Umfeld.

Das Aus kam nach 35 Jahren Selbständigkeit. Am 23. Juli 1952 war die DDR per Gesetz neu gegliedert worden. Aus fünf Ländern wurden 14 Bezirke, nebst Hauptstadt Berlin. Das Land Sachsen-Anhalt wurde in die Bezirke Halle und Magdeburg geteilt. In der Altmark entstanden damals vier neue Kreise. Neben den bisherigen Salzwedel, Stendal, Osterburg und Gardelegen, erschienen nun die Kreise Klötze, Tangerhütte, Kalbe/Milde und Seehausen auf der Landkarte. Letzterer verschmolz bereits 1965 wieder mit dem Nachbarn Osterburg.

Große Veränderungen

Die Verwaltungsreform 1952 brachte große Veränderungen und ungewohnte Belastungen. Die Kreisverwaltung hieß von nun an „Rat des Kreises“. Der Begriff „Landkreis“ wurde nicht mehr gebraucht. Aus dem Landrat wurde der Ratsvorsitzende. In jeder neuen Kreisstadt etabliert die Staatsmacht ihre „Organe“. Kreisleitung der SED, Rat des Kreises, Volkspolizeikreisamt, Wehrkreiskommando, Kreisdienststelle für Staatssicherheit, Kreisgericht, Kreisstaatsanwaltschaft, Kreisleitungen von FDJ, DSF, GST, Geschäftsstellen der Blockparteien und vieles mehr. Alle benötigten Büros. Die besten für die Partei.

In Tangerhütte musste der Rat der Stadt das markante Rathaus räumen und in ein unscheinbares Haus ziehen. Im bisherigen Gebäude, das seitdem auch wegen der architektonischen Ähnlichkeit im Volksmund „Kreml“ hieß, residierte nun die Kreisleitung der SED. Im Gesundheitsbereich verbesserte sich die Versorgung mit der Einrichtung der Kreispoliklinik im Alten Schloss. Selbstverständlich gab es einen Kreisarzt, einen Kreiszahnarzt, eine Kreishygieneärztin, einen Kreistierarzt und vieles mehr.

Die Abteilung Volksbildung des Rates des Kreises quartierte sich zunächst in der Wilhelm-Wundt-Schule ein. Später wurden für den Rat an der Birkholzer Chaussee Baracken errichtet. Nach der Kreisauflösung zog dort eine Rehabilitationseinrichtung (heute Lebenshilfe) ein.

Tangerhütte blüht auf

In den 1970ern und zu Beginn der 1980er erlebten Stadt und Kreis Tangerhütte eine kleine Blüte. Der Bau der riesigen Schwimm- und Sporthalle an der Birkholzer Chaussee oder ein so großes Kulturhaus wären ohne den Kreisstadtstatus undenkbar. Auch für die Verwaltung entstanden neue Gebäude. FDGB-Kreisvorstand und die Kreisdienststelle für Staatssicherheit zogen in die Flachbauten in der heutigen Bismarckstraße, das Kreisgericht ins markante Haus an der Otto-Nuschke-Straße (später Rathaus 2) ein. Letztere stehen heute leer. Im Haus des FDGB ist jetzt die Lebenshilfe mit dem Tangercafé.

Für die Stadt Tangerhütte hatte die Kreisauflösung erhebliche Auswirkungen. Arbeitslos wurde zwar niemand. Die meisten Verwaltungsmitarbeiter pendelten aber fortan nach Stendal oder Wolmirstedt zur Arbeit. Ab 2. Januar 1988 wurde dafür eigens eine neue Bahnverbindung eingerichtet.

Stadt geht leer aus

Viele Menschen zogen weg. Nie wieder hat Tangerhütte die Einwohnerzahl von 1987 erreicht. Damals lebten knapp 8000 Menschen in der Stadt. Für Hiergebliebene ist die Kreisauflösung noch immer ein Trauma. Ältere reden oft noch vom Kreiskulturhaus, dem Kreisgericht oder der alten Kreisbibliothek (Neubau neben Bahnübergang). Auch Ortsbürgermeister Gerhard Borstell (SPD) spricht manchmal mit Wehmut von den „alten Tagen“. Nur ein paar Jahre später, nach der Wende, gab es erneut eine Verwaltungsreform. Damals verschwanden in der Altmark die Kreise Klötze, Gardelegen und Osterburg von der Landkarte. Für die bisherigen Kreisstädte gab es als Entschädigung Millionenbeträge vom Land. Tangerhütte ging 1987 leer aus.

Von Christian Wohlt

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare