Chinesischen Medizin und tierische Patienten

Akupunktur: Neu-Altmärkerin Lamprecht kümmert sich im Tangerhütter Grenzland um Islandpferde

Akupunkturnadeln sind auf dem Rücken des Pferdes gesetzt. Zusätzlich verbreitet eine Moxa-Zigarre Wärme und Wirkstoff.
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Die Akupunkturnadeln auf dem Rücken sind gesetzt. Zusätzlich verbreitet eine sogenannte Moxa-Zigarre Wärme und Wirkstoff. Dem Pferd soll es allgemein besser gehen.
  • Marco Hertzfeld
    VonMarco Hertzfeld
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Damit das Islandpferd fünf Gänge gesund einlegt: Tierheilpraktikerin Sandra Lamprecht aus Stegelitz, eine gebürtige Baden-Württembergerin, findet ihre Schützlinge auch im Tangerhütter Grenzland. Familie Selent betreibt in Bertingen einen renommierten Zuchtbetrieb.

Stegelitz / Bertingen – Sandra Lamprecht sucht mit den Fingerspitzen die richtige Stelle im Fell und setzt die nächste feine Nadel. Akupunktur gehört zum festen Repertoire der Tierheilpraktikerin aus Stegelitz. Keli, das Islandpferd, sei heute hibbeliger als sonst. Vielleicht liegt es am Klicken der Fotokamera. Ansonsten wirken die zwei in Bertingen bereits wie ein eingespieltes Team. Der Isländer senkt den Kopf, entspannt, erreicht irgendwann den Zustand des De-Qi, wie es in der traditionellen chinesischen Medizin heißt. Als die 49-Jährige eine sogenannte Moxa-Zigarre gut zwei Zentimeter entfernt über den Rücken des Wallachs führt, scheint der Wohlfühlmodus endgültig eingeschaltet. Wohlige Wärme und Rauch aus Beifuß, einem Heilkraut, treffen demnach spezielle Punkte im Körper. Lamprecht ist willkommen.

Sandra Lamprecht findet und testet wichtige Punkte. Für die Arbeit zählten: Körper, Seele und Geist des Tieres.

Seit März dieses Jahres lebt die Mutter dreier Kinder in der Altmark. Ihre alte Heimat Baden-Württemberg trägt sie unüberhörbar auf der Zunge. Pudelwohl und gut aufgenommen fühle sie sich in der Region und darüber hinaus. „Pferde brauchen flaches Land, hier gibt es jede Menge davon. Auch ist in der Gegend noch nicht alles zugebaut wie im Südwesten der Republik.“ Ihre Visitenkarte hat kaum Weißfläche, Lamprecht ist nach eigenem Bekunden geprüfte Tierheilpraktikerin, Tierpsychologin, Groß- und Kleintierakupunkteurin sowie Tierkommunikatorin. Die vornehmlich mobile Praxis sei eine bewusste Entscheidung, seit mehr oder weniger zehn Jahren. „So läuft es stressfrei für Tierhalter und Tiere.“ Das Gestüt im Landkreis Börde sei bereits eine feste Adresse.

Damit er locker laufe: Züchterin Siegrid Selent führt ihr Reitpferd Keli in Bertingen durch ein Stangenlabyrinth.

An die 60 Isländer, darunter auch einige Pensionspferde, weiden auf Flächen in und um Bertingen. „Ich habe mich in diese Rasse regelrecht verliebt“, berichtet Siegrid Selent, die aus dem Ort stammt und nach der politischen Wende in Ostdeutschland dort neu Fuß fasste. Im Alter von 40 Jahren habe sie richtig mit dem Reiten begonnen, eben auf einem Islandpferd. Die Familie lebt vor allem von der Mutterkuhhaltung. „Es handelt sich also um einen klassischen landwirtschaftlichen Betrieb“, betont die Endsechzigerin gegenüber der AZ. Und doch fällt er aus dem Rahmen. Die Leidenschaft zum Islandpferd teilt sie mit Sohn Ruben. Und bitte: So ein Fünfgänger habe durchaus seinen Wert und Preis, betont sie lächelnd, ohne in dem Moment konkret zu werden. Mehrere Tausend Euro dürften es locker sein.

Gestüt Sandheide wirkt landesweit

Selent führt Keli, den sie selbst reitet, in ein Labyrinth, die Stangen liegen am Boden. Dem Tier ist zudem eine Art Bandage angelegt. Lamprecht beobachtet die beiden, notiert sich Dinge im Kopf, gibt Tipps. Das Ganze ergebe Sinn: Der Wallach soll stets möglichst ausgeglichen sein und locker laufen. Wie nebenbei fragt sie die Züchterin nach dem allgemeinen Zustand des Schützlings und wie die Pferdeäpfel in letzter Zeit so ausgesehen hätten. Keli sei nicht wirklich krank, vieles geschehe eben einfach präventiv und sei deshalb auch wertvoll. Verdauungstrakt und Bewegungsapparat könnten aber auch einfach mal so verrückt spielen. Überhaupt stellt Lamprecht dem Zuchtbetrieb in altmärkischer Nachbarschaft ein gutes Zeugnis aus. „Die Leute hier haben Ahnung.“

Tierheilpraktikerin bewusst mobil

Die Pferde sind in mehrere Gruppen aufgeteilt, oftmals grasen sie nahe der Elbe. Zurzeit gehören drei Zuchthengste und circa 15 Zuchtstuten dazu. „Wir haben hier überwiegend die Elite stehen“, will Selent erst gar nicht kokettieren. Natürlich sei dieses Pferd altmarktauglich, beteuert sie auf Nachfrage amüsiert. Die aus Island stammende Rasse sei bundesweit durchaus weitverbreitet, in den neuen Bundesländern gebe es vielleicht noch einen gewissen Nachholbedarf. Ihr Zuchtbetrieb „Sandheide“ dürfte mindestens der größte in Sachsen-Anhalt sein. Wer es nicht weiß: Das robuste Kleinpferd gilt auch deshalb als besonders, weil es neben den bekannten Grundgangarten Schritt, Trab und Galopp auch Tölt und Pass beherrschen kann. „Wir züchten bei uns auf Fünfgänger.“

Stegelitzerin fühlt sich pudelwohl

Etwa 60 Prozent von Lamprechts Arbeit macht das Pferd aus, für den Rest sorgen Hund, Katze, Kaninchen & Co. Allen Tieren soll bei gesundheitlichen Beschwerden, Schmerzen und seelischem Ungleichgewicht geholfen werden. Isländer sind ihr auch schon in der alten Heimat begegnet. Übrigens gebe es sogar eine Pferderasse Baden-Württemberger, ein Warmblut. Von der Rasse Altmärkisches Kaltblut hört die Tierheilpraktikerin an diesem Tag das erste Mal. „Ich bin gespannt“, sagt sie und lacht. Inwieweit diese massige Rasse ihr einmal unter die Finger kommt, bleibt abzuwarten. Die Neualtmärkerin gibt sich jedenfalls für einiges gewappnet und hat sowieso weitere Pläne. In naher Zukunft soll auf ihrem Stegelitzer Bauernhof ein Rehabilitations-Bewegungsstall, ein Offenstall, für Pferde entstehen.

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