Hochwasser vor 15 Jahren / Rettungsaktion am Treul

„Ilse“ lässt die Flüsse rückwärts fließen

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Hochwasser im August 2002: Die Tangerhütter Innenstadt war menschenleer. Die Geschäfte wurden mit Sandsäcken gesichert. Die Bewohner bereiteten sich auf das Schlimmste vor.

Tangerhütte. Die Folgen der Flutkatastrophe 2013 sind noch nicht überwunden. Zumindest wird überall an den Deichen gebaut, damit so etwas nicht noch einmal passiert.

Fast vergessen, dass wenige Jahre zuvor schon einmal ein Hochwasser die Region heimsuchte, das schon damals als Jahrhundertflut in die Geschichte einging. Das ist jetzt genau 15 Jahre her.

Der Sommer 2002 begann unspektakulär. Das Wetter bot den üblichen Mix aus Sonne und Wolken und ein paar Regenschauern. Es war warm. Schulkinder und Urlauber genossen unbeschwert die Ferien. Die Bauern hatten mit der Ernte begonnen. Nichts schien die gewohnte Idylle zu trüben.

So maß auch niemand der Meldung des Deutschen Wetterdienstes am 9. August 2002 besondere Bedeutung zu. Die Meteorologen warnten vor einem Tiefdruckgebiet mit dem Namen „Ilse“, das nach Tschechien zog. „Ilse“ brachte das Unheil. Am 12. August gingen extreme Niederschlagsmengen auf Tschechien und Sachsen nieder. Kleine Gebirgsflüsse schwollen zu reißenden Strömen an und rissen alles mit sich, was sich ihnen in den Weg stellte. Die Wassermassen ergossen sich in die Elbe. Eine enorme Flutwelle nahm flussabwärts ihren Lauf. Von Dresden aus schlug sie eine Schneise der Zerstörung.

Tausende Freiwillige schleppten rund um die Uhr Sandsäcke. Der Kraftakt gelang.

Meldungen von gebrochenen Deichen, überfluteten Siedlungen, zerstörten Brücken und Häusern ließen in der Altmark die Sorge wachsen: Werden die Deiche halten? Fragen, die sonst allenfalls im Erdkunde-Unterricht eine Rolle spielten, gewannen plötzlich existenzielle Bedeutung: 44 Meter, 42 Meter, 37 Meter ...? Die geografische Höhe eines Ortes über dem Meeresspiegel konnte über Wohl und Wehe entscheiden. Während der Elbpegel langsam stieg, wurden plötzlich die kleineren Flüsse zu einer großen Gefahr. Weil sie nicht mehr in die Elbe abfließen konnten, stauten sich Aland, Uchte und Tanger zurück und traten über die Ufer. Demker versank im Morast und im Wildpark Weißewarte kam für einige Tiere jede Rettung zu spät. Sogar Stendal war bedroht. Die Flüsse begannen, rückwärts zu fließen.

Bewohner bereiteten sich auf das Schlimmste vor

Selbst das Stendaler Landratsamt wurde wasserdicht gemacht. Meldungen von gebrochenen Deichen, überfluteten Siedlungen, zerstörten Brücken und Häusern ließen die Sorge wachsen.

Am 15. August nahm der Katastrophenschutzstab des Landkreises die Arbeit auf und startete sofort mit Vorbereitungen zu Evakuierungen im Raum Tangerhütte. In dieser Region kam eine weitere Gefahr hinzu. Am Treul, zwischen Bertingen und Sandkrug, fehlte auf einer Länge von 1,3 Kilometern ein Deich. Das Hochwasser der Elbe drohte ungehindert in das tiefer gelegene Tangerland zu strömen und viele Dörfer und die Stadt Tangerhütte zu überfluten. Die Bewohner bereiteten sich auf das Schlimmste vor. Hausbesitzer und Geschäftsinhaber sicherten so gut es ging mit Sandsäcken ihr Eigentum. Eiligst mauerten sie Kellerfenster zu. Die Menschen saßen auf gepackten Koffern. Der Ort Zibberick im benachbarten Ohrekreis war schon geräumt. Wasserstandsmeldungen waren die wichtigsten Nachrichten in diesen Tagen. Mit den Pegelständen stieg die Angst von Stunde zu Stunde. Doch auch das Gemeinschaftsgefühl wuchs. Eine gespenstische Anspannung lag in der Luft.

Tag und Nacht rollten am Treul die Lastwagen und brachten Sand für einen provisorischen Deich.

Eine bis dahin einmalige Rettungsaktion begann. Am 19. August bauten Bundeswehr, Technisches Hilfswerk und Freiwillige Feuerwehren auf dem Treul in einem gewaltigen Kraftakt einen provisorischen Deich in den Wald. Mit schwerer Technik zogen Pioniere die 50 Meter breite Schneise dafür. Ein solches Projekt hätte bei Einhaltung aller bürokratischen Wege Jahre an Planungs- und viele Wochen Bauzeit gebraucht. Nun, bei Gefahr im Verzuge, ging alles an einem Tag über die Bühne. Gefahr im Verzuge bestand auch im Norden, wo das Elbehochwasser die Stadt Wittenberge bedrohte. Hier wurde am Abend des gleichen Tages durch die erstmalige Öffnung des Wehres bei Quitzöbel der Wasserstand um 40 Zentimeter gesenkt und die Gefahr gebannt. Zig Hektar an Weide- und andere unbebauten Flächen wurden überflutet. Die Havelniederung nahm rund 75 Millionen Kubikmeter Wasser auf. Die Rettung für Wittenberge.

Elbpegel 7,67 Meter markierte neuen Rekord

In der Nacht erreichte der Scheitelpunkt der Elbeflut die Region. In Tangermünde markierte der Pegel am 20. August 2002 mit 7,67 Metern neuen Rekord. Die Situation blieb kritisch, weil das Wasser die Deiche aufweichte. Tausende Freiwillige, aus allen Teilen der Bundesrepublik herangeeilte Helfer, schleppten rund um die Uhr Sandsäcke. Der Kraftakt gelang. Langsam sanken die Pegel. Nach einigen Tagen war die Gefahr endgültig gebannt.

Von Christian Wohlt

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