„Genau darin liegt doch der Reiz“

Zirkus übernimmt Wildpark: Altmärker bringt neues Modell ins Gespräch

Annette Friedebold, langjährige und inzwischen pensionierte Wildparkchefin, mit einem Jungschaf im Arm.
+
Annette Friedebold, langjährige und inzwischen pensionierte Wildparkchefin, mit einem Jungschaf im Arm.

Weißewarte – Die Zirkusfamilie Spindler könnte beim angeschlagenen Wildpark Weißewarte einsteigen. „Die Idee klingt erst einmal ungewöhnlich“, gibt Hans-Jürgen Fritz im Gespräch mit der AZ gern zu.

Voyage gilt als größter Tierzirkus Deutschlands und führt vor allem Exoten in die Manege, die Freizeitstätte nahe Tangerhütte setzt fast ausschließlich auf einheimische Tiere. „Genau darin liegt doch der Reiz, das Besondere, welches immer gesucht wurde und das sich weiterentwickeln und vermutlich vortrefflich vermarkten ließe“, ist der 66-Jährige überzeugt.

Wie mit einem Rehkitz und verwaisten Tieren zu verfahren ist, auch dazu war der Park schon Anlaufpunkt.

Dass es nach wie vor einen Förderverein für Weißewarte gibt und ein zusätzlicher Betreiberverein im Frühjahr seine Arbeit aufnehmen soll, weiß der Stendaler. „Dieses Engagement ist wichtig und richtig. Impulse von außen könnten für die Zukunft aber entscheidend sein.“ Der Zirkus sollte sich im Wildpark ansiedeln. Ob die Familie ein starker Partner wäre, das Ruder ganz übernehmen würde oder irgendetwas dazwischen, darüber müsste natürlich vor allem mit dem Träger, der Einheitsgemeinde, gesprochen werden.

Tierfreund Fritz an Stendals Stadtseeallee. Oben rechts ist schemenhaft ein Gorilla-Graffito am Haus zu sehen.

Als Mitarbeiter des Landkreises baute Fritz das Altmärkische Dorf beim Sachsen-Anhalt-Tag in Stendal 1997 mit auf. Jahre später organisierte er federführend das Spargelfest in Osterburg, ehrenamtlich. Sein halbes Leben lang half er vor und hinter den Kulissen, begeisterte sich nicht zuletzt für Volksfeste in der Altmark und darüber hinaus, kennt Land und Leute und deren Terminkalender. Dem ersten Weihnachtszirkus in Stendal im vergangenen Jahr wies er den Weg. „Die Region hat Potenzial, man muss es nutzen.“

Kleine und große Tiere in Weißewarte ziehen seit fast fünf Jahrzehnten Jung und Alt an.

Hinter der Weihnachtsshow steht die Familie Spindler und deren Unternehmen. In Deutschland arbeiten gut 350 Zirkusse, Voyage gilt als größter Tierzirkus. Ein Nilpferd, Giraffen und andere Exoten treten in der Manege auf. Fritz hat sie alle gesehen. Wildtiere im Zirkus sind mehr und mehr umstritten, Tierschützer laufen Sturm. Circus Voyage verweist regelmäßig auf zoologische Fachkräfte und Veterinäre, die das Gegenteil sagen würden und spricht im Internet von sich selbst als „Tierheim für exotische Großtiere“.

Wie all das nach Weißewarte passt, müsste sich zeigen. „Dieser Zirkus bringt Tiere mit.“ Welche stets und ständig blieben, welche nur auf Zeit, all das sind für Fritz Fragen, die Zirkus, Stadt und Vereine miteinander besprechen sollten. Nach AZ-Informationen hat die Familie durchaus Interesse an einer Zusammenarbeit. Die Spindlers agierten einige Zeit von der Westaltmark aus und haben ihren Hauptstandort momentan bei Leipzig. Durch den Bau der Altmark-Autobahn gewinne der Landkreis Stendal und auch damit Weißewarte an Stellenwert.

Der Wildpark wäre kein Winterquartier für den Zirkus, vielmehr könnte er helfen, auch im Winter Akzente zu setzen und über die gesamte Saison deutlich mehr Besucher anzuziehen. Fritz hält einen spürbar wachsenden Tourismus für möglich. Weißewarte ist ohne Autobahn keine Stunde von Magdeburg entfernt, von Berlin aus sind es etwa zwei Stunden. Der Stendaler glaubt an einen neu aufgestellten Wildpark mit vielen Kulturveranstaltungen und vielleicht sogar einer Wildparkschule, Tierunterricht für Kinder.

Der Weißewarter Wildpark der Zukunft müsse regional und lokal verankert sein, na klar. „Doch braucht er auch Investitionen, Weitblick, Kontakte und zusätzliche Ideen, die nicht allein aus dem Ort und der Einheitsgemeinde Tangerhütte kommen können.“ Für Fritz tut sich dort ein Weg auf, der nicht gleich ausgeschlagen werden sollte. „Man könnte sich an einen Tisch setzen und einfach unkompliziert über mögliche Konzepte und Rechtsmodelle sprechen.“ Der Wildpark wurde 1973 eröffnet. Altmärker Fritz kennt ihn von Anbeginn.

VON MARCO HERTZFELD  

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare