Afghanische Familien in Tangerhütte:

„Habe Angst um meine Schwester“

Menschen sitzen vor einem hellen Fenster, sodass nur ihre Umrisse erkennbar sind.
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Der „Treffpunkt Nebenan“ ist Anlaufstelle für die afghanischen Familien. Dort finden sie Hilfe bei ihren täglichen Problemen und auch offene Ohren, denen sie ihre Angst um die zurückgebliebenen Angehörigen anvertrauen können.
  • Christian Wohlt
    VonChristian Wohlt
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Wie schön ist doch unsere kleine heile Welt? Wie weit weg sind Krisen und Konflikte? Die schrecklichen Bilder aus Afghanistan erscheinen für meisten wie von einem anderen Planeten. Für vier Tangerhütter Familien sind sie jedoch sehr nah und bittere Realität.

Tangerhütte/Kabul – Gulmohammad und Ehefrau Schaima sind 2015 aus dem Land am Hindukusch geflüchtet. Sie leben seitdem in Tangerhütte in Sicherheit und sind inzwischen gut integriert. Dennoch haben sie Angst – Todesangst um ihre Angehörigen. Weil der gelernte Autoschlosser einst für die Amerikaner arbeitete, hatten ihn die Taliban bedroht, angeschossen und mit dem Messer verletzt. Unter abenteuerlichen Umständen gelang beiden mit den damals sechs Kindern die Flucht. Die Altmark wurde ihr neues zu Hause. Mütter, Väter, Brüder und Schwestern blieben in Kabul zurück und müssen angesichts des Sieges der Taliban jetzt das Schlimmste befürchten.

Ein Bild des Grauens: Schaimas Schwager wurde vor dem Flughafen in Kabul erschossen.

Wenn Schaima die aktuellen Nachrichten aus der Heimat auf dem Handy zeigt, kann sie ihre Gefühle nicht verbergen. „Ich habe Angst um meine Schwester“, sagt sie unter Tränen. „Wo seid Ihr? Wir kriegen Euch“, spielt sie Botschaften der Taliban an ihre Schwester ab. Die ist gemeinsam mit der Mutter auf der Flucht, weil auch sie für ausländische Organisationen gearbeitet haben. Im günstigsten Fall drohen ihnen Prügel und das Weggesperrt werden. Ohne männliche Begleitung dürfen Frauen unter der Herrschaft der „Gotteskrieger“ inzwischen nicht mehr aus dem Haus. Mädchen müssen befürchten, zwangsverheiratet zu werden. Wie real die Gefahr ist, zeigen Fotos aus der Wohnung in Kabul. Einschusslöcher zeugen von einem „Besuch“ der Talibankämpfer. Im letzten Moment konnten die beiden Frauen untertauchen. Andere Menschen helfen ihnen. Glück im Unglück. Noch ist Hoffnung. Die gibt es für Schaimas Schwager allerdings nicht mehr. Ein Foto zeigt seinen toten Körper, blutüberströmt. Erschossen am Flughafen, weil er mit einer der letzten regulären Maschinen fliehen wollte. Die Kugel ging direkt durchs Auge. Solche Geschichten, solche Bilder sind auch für Hartgesottene nur schwer zu ertragen.

Ein Foto sagt mehr als 1000 Worte. Dieses Bild, gemalt von einem Flüchtlingskind, spricht für sich.

Manfred Hain hat als ehemaliger Bundeswehroffizier schon einiges erlebt, doch diese Schicksale gehen auch ihm besonders nahe. Seit Jahren betreut er, zunächst mit dem „Netzwerk neue Nachbarn“, dann im „Treffpunkt Nebenan“, die vier afghanischen Familien in Tangerhütte, insgesamt 26 Leute. Er ist stolz darauf, dass inzwischen alle recht gut Deutsch können, Arbeit haben oder Integrationskurse absolvieren. Fünf der Kinder besuchen sogar das Gymnasium. Hain ist Helfer im Kontakt mit Behörden und Seelentröster zugleich. Für das Agieren der Bundesregierung in Afghanistan hat er wenig Verständnis. Die Situation sei absehbar gewesen, sagt der frühere Pilot. Während die Amerikaner Tausende ausfliegen, hoben die deutschen Maschinen anfangs zum Teil fast leer wieder ab. Die Chancen, noch Verwandte der Tangerhütter Familien zu retten, sind zwar nicht groß. Die Hoffnung aufgeben wollen sie aber nicht. Er stehe weiterhin mit Freunden und Helfern in Afghanistan in Kontakt, versichert Hain. Mehr will er aus Sicherheitsgründen an dieser Stelle nicht verraten.

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