Wie sich ab 1842 das alte Vaethen nachhaltig veränderte / Vortrag am Tag der Industriekultur

„Anfangs mit der Hütte nichts am Hut“

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Hier wurde früher aus Vaethen schließlich Tangerhütte gemacht. Beim Tag der Industriekultur bekamen die Tangerhütter Gelegenheit zu einem Rundgang in der alten Hütte.

Tangerhütte. Der Festsaal des Neuen Schlosses war am Sonntag prall gefüllt. Die Stühle reichten nicht aus. Sogar Besucher aus Bielefeld waren extra angereist, um den Vortrag von Frank Dreihaupt, den er aus Anlass des Tages der Industriekultur hielt, zu erleben.

Das Thema: „175 Jahre Eisengießerei – Die Geschichte des Eisenwerkes Tangerhütte in Bildern“.

Die bestanden zwar zu einem Großteil aus einfachen Kartendarstellungen und mancher hatte sich inhaltlich sicherlich mehr erhofft, doch das Interesse zeigte: Für die Tangerhütter ist die „Hütte“ immer ein Thema. Schließlich gab sie dereinst dem Ort seinen heutigen Namen. Dreihaupt erzählte von der Zeit, in der das noch anders war.

Viele Besucher nutzten die Gelegenheit, sich in der noch gut erhaltenen früheren Modelltischlerei der Hütte umzusehen.

Als im Jahr 1842 bei dem Dorfe Vaethen Raseneisenerz gefunden wurde und wenig später der Aufbau einer Gießerei begann, hielt sich die Begeisterung bei den Einwohnern und den örtlichen Gutsbesitzern in Grenzen. „Die hatten mit der Hütte nichts am Hut und wollten ihre Leben wie bisher weiterführen“, berichtete der Vorsitzende des Vereins „Aus einem Guss“. Doch der Fortschritt war nicht aufzuhalten.

Der Vortrag über 175 Industriegeschichte in Tangerhütte von Frank Dreihaupt (l.) fand reges Interesse.

Nach dem ersten Anstich 1844 wuchs die „Tanger Hütte“ neben dem Dorf und beide schließlich zu einer Ortschaft zusammen. Die Gießerei erlangte schnell Bedeutung und Ruhm. Die Geschichte vom gusseisernen Pavillon, in dem auf der Weltausstellung 1889 in Paris die Herrscher von Deutschland, Österreich und Russland gemeinsam Kaffee getrunken haben sollen, hat sich inzwischen überregional herumgesprochen. Weniger bekannt ist ein anderes Highlight: Die Architektur der Fassade der Gießereihallen im Tudorstil sei vermutlich bundesweit einmalig erhalten, sagte Dreihaupt. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal stelle die Verbindung von Park, Wohnen (Altes und Neues Schloss, Meisterhäuser) und Industrie auf engstem Raum dar. Der Verein „Aus einem Guss“ will dieses Ensemble erhalten und, ergänzt durch eine moderne Veranstaltungshalle, touristisch erschließen. Das Ganze dürfte Millionen kosten. Bisher gab es 40 000 Euro Fördergeld aus dem Programm „Landaufschwung“ für eine Machbarkeitsstudie.

Fünf vor zwölf sei es allerdings schon für die denkmalgeschützte Tudor-Fassade. Da das Dach der inzwischen seit einem Vierteljahrhundert leer stehenden Gießereihallen eingefallen ist, hat diese keinen Halt mehr. Beim nächsten starken Sturm könnte die Wand zusammenfallen, so Dreihaupt. „Es ist spät, aber nicht zu spät, um dieses Stück Tangerhütte zu retten“.

Von Christian Wohlt

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