Kinder- und Jugendheim Stendal begeht 35-jähriges Bestehen / 45 Schicksale werden derzeit betreut

Wunsch: Mehr Zeit für Schützlinge

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Das Kinder- und Jugendheim in Stendal ist ein geschützter Ort, in dem Kinder und Jugendliche aufwachsen können. Dennoch ist der Aufenthalt in der Regel nur auf Zeit. Ziel sei es, die Kinder wieder zurück in ihre Familien zu bringen.

Stendal. „Wenn du nicht hörst, kommst du ins Heim." Insbesondere Ältere werden diesen Satz als Kinder schon einmal von den eigenen Eltern gehört haben. Es war die verbale „Notbremse“, um den Nachwuchs wieder auf „Erziehungslinie“ zu bekommen.

Auch das Wort „Heimkind“ war und ist im Sprachgebrauch nicht positiv besetzt. Kinderheime waren eine Art Auffangstation für verwaiste, verwahrloste oder auch schwer erziehbare Kinder, oftmals einer Kasernierung nicht unähnlich. Heute sind Kinderheime moderne Wohneinrichtungen, die eher dem Leben in einer Großfamilie ähneln. Dies trifft auch auf das Kinder- und Jugendheim „Horizont“ in Stendal zu (AZ berichtete), das mit einem Hoffest gestern sein 35-jähriges Bestehen feierte.

„Ein Heimaufenthalt ist die Reißleine“, sagt Heimleiterin Birgit Jaenecke gestern im AZ-Gespräch. Nicht nur das Leben in Heimen hat sich über die Jahre verändert, auch der helfende Ansatz. Der stationäre Aufenthalt in einer solchen Einrichtung ist das letzte Mittel, um das Kindeswohl sicherzustellen, erläutert Jaenecke. Bevor es zum Heimaufenthalt kommt, greift eine Vielzahl an Hilfen für die betroffenen Familien, die über das Jugendamt initiiert werden. Auch über das Unterbringen in einer solchen Einrichtung entscheidet am Ende das Jugendamt. Kommt es zu einer solchen Entscheidung, ist das Kind nicht für immer den Eltern entzogen. Ein Aufenthalt im Heim ist heute für eine begrenzte Zeit angestrebt, führt Jaenecke aus. Ziel sei es die familiäre Situation schnellst möglich so zu ändern, dass das Kindeswohl nicht mehr gefährdet ist. Und Jaenecke ergänzt, dass es in rund 50 Prozent der Fälle die Eltern selbst sind, die die Hilfe des Jugendamtes suchen.

Die Fachleute sprechen von einer familiären Krisensituation, die unter Umständen einen Heimaufenthalt notwendig macht. Mit steigender Tendenz sei es die Verschuldung von Familien, die zu solchen Situationen führe, berichtet Jaenecke. Auch eine drohende Obdachlosigkeit der Familie steigt von Jahr zu Jahr. Auch psychische Erkrankungen der Erziehungsberechtigten hätten Jaenecke zufolge zugenommen. Streitende Eltern seien ebenfalls keine Seltenheit, häusliche Gewalt dagegen weniger, weiß sie zu berichten. Alkoholismus oder Messietum seien dagegen eher die Ausnahmen. „Die Kinder bringen die ganze Last der Familie mit“, wenn sie bei Jaenecke und ihrem 30-köpfigen Team ankommen. Entwicklungsverzögerungen der Kinder seien in diesem Zusammenhang immer häufiger zu beobachten, ebenso wie Defizite bei der Gesundheit, insbesondere der Zahnpflege. In der Einrichtung werde versucht all diesen Problemen zu begegnen, den Kindern und Jugendlichen möglichst bessere Chancen zu bieten. Doch all diese Hilfen benötigen Zeit und davon wünscht sich Jaenecke mehr, um mit ihrem Team noch intensiver mit den Schützlingen auf Zeit arbeiten zu können. Aber nicht nur in der Einrichtung wird an den Defiziten gearbeitet. Ebenfalls Unterstützung erhalten die Familien. Eine Blaupause an Lösungen gibt es aber nicht. Jeder Fall sei ein Einzelschicksal und müsse für sich betrachtet werden. Derzeit sind es 45 solcher Schicksale, die an der Arnimer Straße, in Stadtsee und in Osterburg betreut werden. Eine über die Jahre konstante Zahl führt die Leiterin aus. Doch sie verweist auf den Bevölkerungsschwund, der dabei berücksichtig werden müsse. Und dies bedeute im Umkehrschluss, dass der Bedarf an Unterstützung gestiegen sei. Immer mehr Familien würden verarmen, darin sieht die Leiterin ein gesellschaftliches Hauptproblem.

Sie selbst begann ihre berufliche Karriere vor ebenfalls 35 Jahren als „frisch ausgelernte“ Heimerzieherin in der Stendaler Einrichtung. Seit 1996 leitet die heute 54-Jährige das Haus, das seit 1992 zum Paritätischen gehört. „Ich habe hier meine Berufung gefunden“, sagt sie abschließend.

Von Matthias Kuhn

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