Von Woche zu Woche

Es wird geglaubt, was man glauben will

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(Symbolfoto)

Es wird schon gemunkelt in den sozialen Netzwerken: Bürgerkrieg werde es geben in Deutschland. Tatsache ist: Der Bürgerkrieg ist lange da. Entzündet hat er sich am Zuzug von Flüchtlingen; geführt wird er mit Medien und Meinungen.

Er betrifft – und das ist neu und alarmierend – nicht nur rechte und linke Extremisten, sondern findet auch zunehmend unter politischen „Normalos“ der Mitte statt. Er entzündet sich am Thema Flüchtlinge. Und unter dem Strich zeigt sich das eigentliche Problem: Angst.

Kai Hasse

Trotz aller Probleme bei Unterbringung, Integration und Kriminialität bleibt die Tatsache: Es sind Menschen wie du und ich, es sind böse dabei und gute. Viele Medien versuchen, die Angst vor Fremden für ihre Motive zu nutzen – beispielsweise russische, Kreml-nahe. Wladimir Putin, Chef am Roten Platz, hat innenpolitisch die Motivation, sein Russland als „Land der Anständigen“ darzustellen. Dafür wird als Kontrast Rest-Europa als überfremdeter, „verschwulter“ Kontinent gezeigt. Andere Medien, die derzeit profitieren, sind rechtsnationale oder simple Schund-Portale im Internet.

Was sie produzieren, wird unreflektiert und dramatisiert in sozialen Netzwerken verbreitet – dort fragen wenige nach Hintergründen und Motiven. Da wird geglaubt, was man glauben will. Wer Angst hat, sieht seine Ängste bestätigt.

Das führt so weit, dass die Posse eines Satire-Online-Magazins, ein Flüchtling habe ein Kind gegessen, glatt geglaubt wird. Oder dass die Mär einer 13-jährigen Russlanddeutschen, die von Flüchtlingen vergewaltigt worden sein soll, zu Verwicklungen zwischen Deutschland und Russland führt. Und die Vergewaltigung? Laut Polizei erlogen. Noch ein Beispiel: Seit Monaten kursiert die Drohkulisse durchs Netz, dass 70 Prozent der Flüchtlinge „junge Männer“ sein sollen. Speziell die AfD und rechte Medien machen damit Angst-Politik. Laut Statistiken des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge liegt der Anteil von Männern zwischen 18 und 40 Jahren bei den Asylbewerbern 2015 bei 43,7 Prozent. Das ist relativ viel. Aber 70 Prozent sind falsch.

Zu gern schreien Rechte den etablierten Medien „Lügenpresse“ entgegen, aber sobald es ihnen in den Kram passt, zitieren sie eben jene etablierten Medien – wenn die etwa berichten müssen, dass sich Flüchtlinge prügeln.

Wichtig bleibt, dass sich jeder vor dem Weitererzählen von Nachrichten die Frage stellt, ob wirklich was dran ist oder seine Informationsquelle aus politischen Motivationen heraus bewusst Hysterie produziert. Wer sich das nicht fragt, riskiert, dass es irgendwann „Kauft nicht beim Muslim“-Schilder gibt – und da sollte bei jedem etwas klingeln. Wer Informationen verbreitet, trägt dafür Verantwortung.

Wer sicher gehen will, kann auf die Onlinekarte hoaxmap.org schauen: Damit will deren Entwicklerin Karolin Schwarz (30) aus Leipzig Gerüchten über Flüchtlinge entgegenwirken. Die in die Seite eingebaute Googlemaps-Karte visualisiert Orte, an denen eine Falschmeldung („Hoax“) über Flüchtlinge entstanden und widerlegt worden ist.

Und sollte jemand partout überhaupt keinem Medium glauben wollen, dann muss er sich sein Bild von Flüchtlingen selbst machen. Im direkten Kontakt, mit einem Vertrauensvorschuss und einem Lächeln. Das ist die unmittelbarste Art der Informationsbeschaffung.

Von Kai Hasse

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