„Wir sind da!“ mit Gegenwartsfragen und jüdischen Persönlichkeiten

Lesung zu 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland in der Marienkirche

Uwe von Seltmann steht am Pult. Hinter ihm sind die Ausstellung über die Tänzerin und ein Banner der Landeszentrale für politische Bildung zu sehen.
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Im Rahmen der Ausstellung „Die Tänzerin von Auschwitz“ in der Marienkirche stellte Autor Uwe von Seltmann sein Buch zu 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland vor.
  • Lisa Maria Krause
    VonLisa Maria Krause
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„Wir leben ewig, wir sind da“, zitiert Autor Uwe von Seltmann den jüdischen Dichter Leyb Rosenthal, der am Ende des Zweiten Weltkrieges durch die Nationalsozialisten getötet wurde. 

Stendal - Sein Buch zum Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, das nach diesem Lied benannt wurde, stellte der Autor kürzlich in der Marienkirche in Stendal vor. Als einer von 30 Veranstaltungsorten in Sachsen-Anhalt, die Seltmann mit seinem Buch besucht, hat auch Stendal eine tragende Rolle in der deutsch-jüdischen Geschichte. „In Stendal wurde 1297 die erste Judenverordnung der ganzen Mark Brandenburg veröffentlicht.“ Im Mittelalter zählte die jüdische Gemeinde in Stendal zu den größten auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts.

„Wir sind da!“ feiert zugleich 30 Jahre Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen-Anhalt, welche die Entstehung des Buches anstieß. Die erste urkundliche Nennung von Juden in Deutschland ist datiert auf den 11. Dezember 321. Seltmann beschäftige sich seit 30 Jahren mit der wechselvollen Geschichte mit tiefer Zensur, aber auch mit großer Bereicherung des Lebens.

Angesichts der Aufgabenstellung überlegte der Autor, wie er diese 1700 Jahre aufarbeiten sollte, und entschied sich schließlich, sich mit den Juden der Gegenwart auseinanderzusetzen. „Ich habe mich mit ihnen unterhalten und zentrale Fragen und Herausforderungen des Judentums in der Gegenwart gesammelt“, berichtet Seltmann den Gästen in Stendal.

Begleitet wird die Wanderlesung von dem Duo Tabea und Tobias Wollner.

Dabei hätten sich immer dieselben Fragen aufgetan wie: Wer sind wir? Woher kommen wir? Ist ein normales jüdisches Leben in einem Land wie Deutschland überhaupt möglich? Diese und viele andere Fragen fängt Seltmann in seinem Buch auf und schreibt dabei über jüdische Persönlichkeiten der Geschichte. So berichtet er vom Leben des Juden Joseph Schmidt, der Opernsänger und Schauspieler war und nach seiner Flucht aus Deutschland 1942 in der Schweiz verstarb. „Er war sehr beliebt. Der Tonfilm, das Radio und die Schallplatte machten ihn einem breiten Publikum bekannt“, erklärt der Autor. In seinem Leben veröffentlichte er 220 Lieder.

„Der Tag seines größten Erfolges mit dem Film ‘Ein Lied geht um die Welt’ war der 9. Mai 1933, aber er war auch bitter.“ Denn nur einen Tag später wurden unzählige Bücher verbrannt. Begleitet wird Seltmann auf seiner Tour von dem Duo Tabea und Tobias Wollner, das ihn musikalisch begleitet. So ließen sie an diesen Tag das titelgebende Lied des Films in der Marienkirche erklingen.

„Fliegt auch die Zeit, das Lied bleibt in Ewigkeit“, zitierte der Autor, „Unvergessliche Melodien, gesungen von einer unvergesslichen Stimme.“ Joseph Schmidt sei anwesend in dem Lied. „So sind auch wir heute abend alle da.“ Es bleibe immer etwas zurück.

Dieses „da sein“ trifft auf die Zuhörer zu, aber nicht auf die Juden in Stendal. Eine formierte jüdische Gemeinde gibt es schon seit langer Zeit nicht mehr in der Hansestadt. Die zuvor Bestehende wurde während des Nazi-Regimes ausgelöscht. Zurück blieb ein jüdischer Friedhof an der Georgenstraße als Teil des allgemeinen Stendaler Friedhofs.

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