Leben in der Bude: Elfköpfige Familie meistert den Alltag und wünscht sich ein größeres Zuhause

„Wir haben von allem etwas mehr“

+
Die stolzen Eltern mit ihrer Rasselbande. Der älteste Spross der elfköpfigen Familie ist 16 Jahre alt, der jüngste gerade einmal knapp vier Wochen.

Stendal. „Wir sind alle da“, meldet Jolina an der Haustür und zeigt die schönsten Zähne, die eine Siebenjährige haben kann. Jason (6) und Jamie (5), die beteuern, keine Zwillinge sein zu können, sich aber verdammt ähnlich sehen, bringen den Besuch in die Wohnstube.

Vater Ronny Stutzke (35), ein gelernter Zimmermann, der die Brötchen für die elfköpfige Familie als Schlosser verdient, hat einen kräftigen Handschlag. Mutter Jana Langs holt den jüngsten Nachwuchs aus der Wiege, Ronny, vier Wochen alt. Wie nebenbei zählt die 36-Jährige die Namen der anderen Kinder auf: Kevin (16), Vivien (15), Justin (13), Dustin (11) und Amy (1). Opa Wilhelm Stutzke nickt anerkennend und meint schmunzelnd: „Sie könnte mit Sicherheit auch die genaue Geburtszeit jedes Kindes nennen. Alle Achtung. “.

Mutter Jana Langs hält Fäden in der Hand

Die Stendalerin ist Herz und Lenker der Großfamilie. „Sie hält den Laden hier zusammen, kümmert sich, mehr als ich es unter der Woche kann, um die Kinder, kocht so gut wie jeden Tag, managt einfach den gesamten Haushalt Stutzke/Langs“, schwärmt der Herr des Hauses und holt sich blitzschnell Amy auf den Schoß, die gerade eine Vase zu bewegen droht. „Ohne die Unterstützung würde ich manchmal aber auch den Überblick verlieren“, schiebt die Mutter von neun Kindern ein wenig verlegen ein. Neben seinem Vater Wilhelm seien das vor allem ihre Mutter Ursula Langs und ihr Opa Herbert Scholz. „Wir können uns auf alle verlassen.“

Zehn Kilo Kartoffeln schnell verputzt

Einer solch großen Kinderschar das Leben zu schenken, könne niemand wirklich planen. „Es ist einfach passiert, und wir haben uns jedes Mal gefreut“, meint der Herr Papa. Die Familie ähnele schon irgendwie einem mittelgroßen Unternehmen, alles will durchdacht und organisiert sein. „Allein für ein Wochenende geht bei uns ein Zehnkilosack Kartoffeln drauf. Einkaufen, das Wäschewaschen – wir haben eben von allem etwas mehr als andere, aber man gewöhnt sich dran. Wir haben es ja so gewollt und lernen mitunter auch dazu. “ Dass der Familienbetrieb ohne Hilfe des Jugendamtes laufe, wollen die Eltern unbedingt erwähnt wissen.

Paar mit Patenschaft: Stendal kinderfeindlich

Mit der Geburt von Jamie vor fünf Jahren hat die Familie die Patenschaft des Bundespräsidenten erhalten. „Viel genützt hat uns das aber nicht“, sagt die Mutter enttäuscht. Stendals Vizebürgermeister Axel Kleefeldt hatte damals die Rede gehalten. „Den Herrn haben wir nie wiedergesehen – oder?“ Stutzke schüttelt den Kopf und sagt: „Stendal ist sowieso kinderfeindlich.“ Die Rutsche auf dem nahen Spielplatz sei viel zu steil für kleine Kinder, und die Tobezone etwas weiter weg stamme noch aus DDR-Zeiten. „Und wo ist hier ein Indoorspielplatz?“ Opa Wilhelm weiß, wo es so einen überdachten, wettergeschützten Spielplatz geben soll. „Halberstadt ist in etwa so groß wie Stendal – und hat einen.“

Flur teilt Gemeinschaft in zwei Hälften

Jason und Jamie, die auch auf den zweiten und dritten Blick immer noch aussehen wie Zwillinge und an diesem Tag zudem einheitlich Rot trage, haben langsam die Nase voll und wollen runter zum Spielen. Das Foto ist gerade erst gemacht, da fällt die Tür auch schon ins Schloss. Die Familie ist vor einigen Jahren des Platzes wegen umgezogen, nur wenige Straßen weiter, und bewohnt nun zwei gegenüberliegende Dreiraumwohnungen in der obersten Etage eines Stadtsee-Blocks. „Rechts leben wir Eltern mit den Kleinen, links die älteren Kinder. Ein kleines eigenes Paradies für Jugendliche sei die Aufteilung aber nur bedingt. „Sie müssen selbst Ordnung halten“, meint der Vater und grinst. Das Doppelquartier sei längst schon wieder zu klein. Die Familie sucht etwas Größeres. „Doch so richtig will uns keiner helfen.“

An erstaunte Blicke längst gewöhnt

An erstaunte Blicke auf der Straße habe sich die Familie bereits gewöhnt. „Ich bin stolz auf meine Kinder“, zeigt sich die 36-Jährige im Gespräch mit der AZ wie eine Löwin. „Wir leben sehr sparsam und passen auf uns auf.“ Auch für ihren Partner sei der große Kindersegen überhaupt nichts Ungewöhnliches. „Warum auch?! Sicherlich ist es ungewöhnlich, dass alle Kinder von einem einzigen Mann sind. In anderen Großfamilien ist das ja oft anders“, glaubt er. Weitere Kinder verabschieden sich und gehen in ihr Zimmer. Mutter und Vater geben ihnen noch einige Aufgaben mit auf den Weg. Dass sich der Nachwuchs ab dem vierten Kind gegenseitig erzieht, sei eine nette Redewendung, mehr aber auch nicht. Stutzke: „Auch bei uns gibt es mal Zank und Tränen, das ist doch völlig normal.“

Weiterer Nachwuchs nicht ausgeschlossen

Der jüngste Spross heißt wie der Papa, Ronny. Damit solle aber kein Schlussstrich unter die Familienplanung gezogen werden. Auch wenn die Geburt diesmal von der ersten bis zur letzten Wehe mehr als zehn Stunden gedauert habe und besonders anstrengend gewesen sei. „Wir hatten eine ellenlange Liste mit Namen, doch wir konnten uns einfach nicht festlegen. 13 Minuten vor der Geburt habe ich mich dann für einen zweiten Ronny entschieden“, meint die neunfache Mutter und lächelt ihren Lebenspartner an. Die Zeit ist wie im Flug vergangen. Der kleine Ronny braucht nun seine abendliche Ration Milch. Der große Ronny muss sich auf den nächsten Arbeitstag vorbereiten. Noch eine letzte Frage zum Abschied: Wann wird endlich geheiratet? Beide blicken sich an, lachen herzhaft und meinen fast zeitgleich: „Wenn die Kinder aus dem Haus sind.“

Von Marco Hertzfeld

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare