Rekord, Koffer und Infarkt: Weitere Helfer werden gewünscht

Bahnhofsmission: „Werden auch schon mal von Leuten beschimpft“

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Wer an diesem Tag auf Reisen ist oder auch nur Angehörige zum Bahnhof bringt, bekommt von Angelika Wilke (v.l.) und Vanessa Dieme eine kleine Aufmerksamkeit. Die Tüte mit Leckereien ziert ein christlicher Spruch. Dazu gibt es einen Kalender für 2016.

Stendal. „Ich finde es richtig cool, den vielen Leuten zu helfen“, sagt Vanessa Dieme und schiebt leicht verlegen hinterher: „Wenn das meine Kumpel lesen, oje.“

Die 18-Jährige hat die Ausbildung zur Altenpflegerin abbrechen müssen und will sich über den Bundesfreiwilligendienst in der Stendaler Bahnhofsmission nun neu orientieren. „Vielleicht mache ich beruflich auch etwas ganz anderes, als Verkäuferin hätte ich auch viel mit verschiedenen Menschen zu tun. “ Die Verantwortlichen der christlichen Hilfsorganisation haben für dieses Jahr etwa 10 000 Kontakte mit Reisenden und anderen Besuchern des Bahnhofes gezählt. Ein rekordverdächtiges Ergebnis. Vanessa hat ihren Anteil daran. Die Statistik ist noch nicht ganz ausgewertet.

„Wir können mit der Entwicklung zufrieden sein. In den Jahren zuvor hatten wir im Schnitt so um die 5000 bis 6000 Kontakte“, weiß Angelika Wilke, die neben Brunhilde Schröder und Patricia Kalz, der Vorsitzenden, zu jenen Mitgliedern zählt, die den Sozialdienst mit Sitz an Gleis 1 vor gut fünf Jahren aufgebaut haben. „Und natürlich freuen wir uns über jeden Interessierten, der neu bei uns mitmacht.“ Nur mit zusätzlichen Mitstreitern lasse sich in Zukunft noch mehr leisten. Aktuell arbeiten zehn Menschen in der Bahnhofsmission – ehrenamtlich. Hinzu kommen regelmäßig Helfer über den Bundesfreiwilligendienst (BFD) wie Vanessa und junge Leute, die im Leben in irgendeiner Form gestrauchelt sind und daher Sozialstunden ableisten müssen.

Mitarbeiter der Bahnhofsmission helfen Reisenden, weisen den Weg, bringen ältere Leute zum richtigen Zug, tragen den Koffer, obwohl sie das eigentlich nicht machen müssten. „Wir sind keine Kofferträger. Es gibt, muss man leider sagen, auch Menschen, die unseren Dienst ausnutzen“, ärgert sich Wilke. Wenn jemand krank oder gebrechlich ist, siege natürlich das Herz und die Helfer, die überwiegend selbst älteren Alters sind, packen an. „Doch wir werden auch schon mal von Leuten beschimpft, die es einfach nicht einsehen, ihr Gepäck selbst zu tragen.“

Vanessa füllt kleine Tüten mit hausgebackenen Keksen und Süßigkeiten, die auf den Bahnsteigen verteilt werden sollen. „Im Sommer hatte ein Mann im Bahnhof einen Herzinfarkt. Ich habe ihn notversorgt und die 112 angerufen. Er hat überlebt“, berichtet Wilke wie nebenbei. Der Mittfünfziger habe sich später bei ihr mit einem Blumenstrauß bedankt. Im vergangenen Jahr brach ein Mann im Bahnhofstunnel zusammen, er überlebte nicht. „Ich werde beides nie vergessen, glauben Sie mir.“

Der Raum der Bahnhofsmission ist geheizt, es ist Heiligabend, ein kleiner Baum ist geschmückt. Immer wieder einmal sind in diesem Jahr auch Flüchtlinge aus Kriegsgebieten in Stendal gestrandet. „Diese Menschen wissen nicht wohin mit sich und ihrem Leben. Wir helfen gern“, sagt Wilke und tritt hinaus auf den Bahnsteig.

Wer Kontakt zur evangelischen Bahnhofsmission sucht, wählte Tel. (03931) 4108289.

Von Marco Hertzfeld

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