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Wenn das Internet süchtig macht

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Internetsucht lässt sich nicht an einer bestimmten Zahl von Stunden in Online-Rollenspielen und Chats festmachen, sagt Prof. Gabriele Helga Franke im AZ-Interview. Foto: privat
Internetsucht lässt sich nicht an einer bestimmten Zahl von Stunden in Online-Rollenspielen und Chats festmachen, sagt Prof. Gabriele Helga Franke im AZ-Interview. Foto: privat

stk Stendal. Das Internet ist die neue Droge der Zeit. Das belegt der gestern vorgestellte Drogenbericht 2012. Die Altmark-Zeitung sprach mit Gabriele Helga Franke, Professorin für Psychodiagnostik an der Hochschule Stendal.

Ihre Studenten haben 1 120 Studierende und Berufsschüler in den neuen Bundesländern zum Thema Onlinesucht befragt.

Interview

AZ: Wie verbreitet ist die Onlinesucht unter Studenten und Berufsschülern?

Franke: Etwa zwei Prozent der Untersuchten müssen wir onlinesüchtig nennen.

AZ: Ab wie viel Stunden Spiele und Chat pro Tag ist man süchtig?

Franke: Aus meiner Sicht ist diese Zeitfrage kein gutes Kriterium. Denn die Zeit im Netz kann ja auch beruflich oder schulisch begründet sein. Kriterien sind, dass eine Person die Kontrolle über die Zeit verliert, die sie am Computer verbringt, dass sie ein ganz starkes Verlangen hat oder einen Zwang, dass sie unruhig und nervös wird, also eine Entzugsproblematik spürt, wenn sie nicht am Computer ist, dass sie soziale Probleme bekommt mit dem Partner, der Arbeit oder der Schule, sich deutlich sozial zurückzieht.

AZ: Gibt es Unterschiede zwischen Studenten und Berufsschülern?

Franke: Ein problematisches Verhalten entwickeln eher Männer, und zwar im Verhältnis zwei zu eins zwischen Männern und Frauen, die eher allein oder bei den Eltern leben und eher auch schon in ihrer Ausbildung mit Computern zu tun haben. Bildung ist kein Kriterium.

AZ: Wie beschreiben die Betroffenen selbst ihr Mediennutzungsverhalten?

Franke: Es gab nur Felder zum Ankreuzen. Im Vordergrund steht die Teilnahme an Online-Rollenspielen, dann aber auch der Interaktionsbereich oder das Chatten.

AZ: Letztlich lässt sich nicht festmachen, an welchem Punkt die Sucht beginnt.

Franke: Das ist ein fließender Übergang. Und wir haben noch keine feststehende Diagnostik, auf die wir uns alle geeinigt haben. Für alle Erkrankten gilt, dass sie eine psychische Belastung zeigen, also unter Traurigkeit, Depressivität, Konzentrationsstörungen leiden, aber auch unter Misstrauen und Ängsten. Und dass es ihnen schwer gelingt, Streit konstruktiv zu bewältigen, dass sie sich selbst bei Problemen die Schuld geben, dass sie große Schwierigkeiten haben, zur Ruhe zu kommen.

AZ: Was macht den Suchtfaktor an den Online-Rollenspielen, den Chats oder auch den Youtube-Filmchen aus?

Franke: Wenn wir diese Frage beantworten könnten, wären wir weiter (lacht). Das ist eine ganz schwierige Frage.

AZ: Es gibt noch keine Theorie darüber?

Franke: Nein, ich habe noch nichts Überzeugendes gefunden. Auch bei anderen nicht stoffgebundenen Suchtformen wie Spielsucht oder Kaufsucht ist die Theoriebildung nicht präzise.

AZ: Sind die Digital Natives genauso gefährdet wie die, die die Kulturtechnik Computer/Internet erst später erlernt haben?

Franke: Laut PINTA-Studie (Prävalenz Internet-Abhängigkeit, die Red.) sind bei den Digital Natives zwischen 14 und 24 2,4 Prozent betroffen, insgesamt nur 1,5 Prozent.

AZ: Haben die jungen Leute noch keine ausreichende Medienschulung erhalten?

Franke: Die Fähigkeit einzuschätzen, was man tut und was dieses Medium bedeutet, muss ja erst erlernt werden.

AZ: Wie sieht die Therapie bei der Droge Internet aus? Abstinenz werden Sie wahrscheinlich nicht verordnen können.

Franke: Das ist das Problem. Eine Essstörung ist auch nicht dadurch zu heilen, dass man nichts isst. Das Essen ist ja etwas Normales und Lebensnotwendiges. Die vollständige Abstinenz im Einzelfall ist sicher therapeutisch richtig, insgesamt muss es dann ein geregelter Umgang sein, der erlernt wird.

AZ: Eine bestimmte Zeitvorgabe machen Sie nicht?

Franke: Ich würde Eltern anraten, über Zeit im Internet mit den Kindern zu sprechen und gemeinsam Regeln aufzustellen.

Interview:

Gerhard Sternitzke

Am heutigen Mittwoch, 17.00 Uhr hält Prof. Gabriele Helga Franke im Audimax der Stendaler Hochschule einen Vortrag zum Thema „Pathologischer PC- und Internetgebrauch.“

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