Ehrenamtliche Helfer gesucht

Wenn das eigene feste Dach fehlt: 19 Obdachlose allein dieses Jahr in Stendal registriert

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Ein Obdachloser liegt irgendwo in der Republik fast auf dem blanken Boden. Auch in der Altmark hat nicht jeder Mensch ein festes Dach über dem Kopf.

Stendal – Er hatte sein armseliges Lager auf dem Winckelmannplatz zwischen Stromkasten und öffentlicher Toilette aufgeschlagen. Das sorgte mitten in der Stadt für Aufsehen und Aufregung. Denn auch helfen lassen wollte der Mann sich nicht.

Wenn nun die Temperaturen allmählich wieder anziehen, erinnert sich vielleicht so mancher Stendaler an die letzten Wochen von 2017. Der Stadtverwaltung sind allein jene Obdachlosen bekannt, die regelmäßig die Unterkunft am Hohen Weg nutzen. In diesem Jahr sind es bislang 19 Menschen gewesen, 17 Männer und zwei Frauen. Wie viele sich in der Gegend noch ohne eigene feste Bleibe durchs Leben schlagen, darüber lässt sich nur spekulieren.

Die Kommune muss sich kümmern. Obdachlosen eine Unterkunft bereitzustellen, gehört zu den Pflichtaufgaben. Ein Großteil der Betroffenen leide an psychischen Erkrankungen, was den Umgang mit ihnen nicht gerade erleichtere. Die Verwaltungsmitarbeiter verfügen nicht über eine entsprechende Ausbildung. Eine besondere Herausforderung in Stendal und Umgebung sieht Rathaussprecher Armin Fischbach aber nicht. Die Anzahl der registrierten Obdachlosen sei trotz allem überschaubar und stabil. 2016 nutzen 22 Menschen den Anlaufpunkt am Hohen Weg, 2017 waren es 21 und im Jahr danach 25. Der Anteil der Frauen ist geringer, im Jahre 2018 erreichte er mit sechs ein Maximum.

„Wenn eine obdachlose Person nicht in eine Einrichtung gehen, sondern draußen frei leben möchte, haben wir nicht das Recht, sie gewaltsam einzuweisen“, zeigt Fischbach die Grenzen für Behörden auch bei Eiseskälte auf. Es handele sich sozusagen um einen freiwilligen Obdachlosen, er habe die Wahl freiwillig getroffen. Sollte der Mensch ausgesprochen hilflos und desorientiert und nicht mehr selbstbestimmt wirken, wird der sozialpsychiatrische Dienst des Landkreises eingeschaltet. Bei dem Mann vom Winckelmannplatz schaute damals auch das Ordnungsamt immer wieder vorbei. Bürger haben ihm Geld und Essen zukommen lassen und wuschen sogar seine Sachen.

Der Hohe Weg 3c bietet 20 Menschen zeitgleich Platz, in einem weiteren Aufgang des Gebäudes, der allerdings stark sanierungsbedürftig ist, wäre noch Raum für zusätzliche 18. Außerdem steht eine Notunterkunft zur Verfügung, während der Bereitschaftszeit können dort bis zu vier Personen kurzfristig hinein. Die Ausgaben für all das und mehr belaufen sich auf jährlich etwa 75  000 Euro. Die Stadt sucht übrigens Bürger, die sich ehrenamtlich engagieren wollen und Obdachlosen bei Behördengängen, der Wohnungssuche und Fragen der Erstausstattung unterstützen. Das Ordnungsamt sei nur für die Unterbringung zuständig, die personelle Kapazität begrenzt. Für potenzielle Helfer: Tel. (03931) 651275.

„Es gibt natürlich immer wieder Personen, die nicht untergebracht werden möchten.“ Sie halten sich in verlassenen Gartenlauben oder anderen leer stehenden Objekten auf. Dass Obdachlose momentan die übrig gebliebenen DDR-Plattenbauten von Stendal-Süd nutzen, kann der Rathaussprecher nicht bestätigen. Sollte es konkrete Hinweise dafür geben, gehe das Ordnungsamt diesen nach und biete den Leuten Hilfe an. Überhaupt sollten Bürger durchaus aufmerksam für ihre Umgebung sein. „Falls einem Mitmenschen begegnen, die sich in einer Notsituation befinden, ist es immer ratsam, die Polizei zu informieren, oder bei einer akuten Gesundheitsgefährdung die Rettungsleitstelle.“

Der Mann vom Stendaler Winckelmannplatz soll sich, so weit bekannt, wieder in seiner Heimat Genthin aufhalten. Näheres kann selbst Fischbach nicht sagen. Politik und Wissenschaft unterscheiden übrigens noch zwischen obdachlos und wohnungslos. Bei Letztgenanntem ist der mietrechtlich abgesicherte Wohnraum zum Beispiel nach einer Zwangsräumung weggebrochen. Ein großer Teil dieser Personen kommt erst dann einmal bei Bekannten oder Verwandten unter, das hilft. „Das Angebot Obdachlosenunterkunft wird selten angenommen, da oft eine besondere Scham vorliegt. Wohnungslose fallen in der Gesellschaft nicht oder nur sehr selten auf. Sie verhalten sich so, dass sie nicht erkannt werden“, meint der Stadtsprecher gegenüber der AZ.

VON MARCO HERTZFELD 

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