Wenn alte Heimat süßlich schmeckt

Weihnachten in Schlesien: Stendals BdV-Chefin sieht alte und neue Aufbrüche

Elfriede Spangenberg lässt von schlesischer Mohnbabe kosten. Auch andere typische Gerichte aus dem früheren deutschen Osten kommen zum Fest auf den Tisch.
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Elfriede Spangenberg lässt von schlesischer Mohnbabe kosten. Auch andere typische Gerichte aus dem früheren deutschen Osten kommen zum Fest auf den Tisch.
  • Marco Hertzfeld
    vonMarco Hertzfeld
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„Das ganze Haus duftete nach Pfefferkuchen und Zimtgebäck. “ Sechs Kinder waren sie damals in Oberschlesien. Beim Flechten des großen Adventskranzes reichten möglichst viele der Mutter das frische Tannengrün.

Stendal / Tangerhütte – Mit roten Kerzen und roten Schleifenbändern versehen, wurde das imposante Teil in der wohlig warmen Wohnstube an der Decke befestigt.

Für ihre Erinnerungen hat Elfriede Spangenberg extra noch einmal mit der älteren Schwester Erna telefoniert. Lang ist es her, das letzte Weihnachten in der alten Heimat. Im Juli 1945 musste die Familie den Ort Romanshof im heutigen Polen verlassen. Die Rentnerin stellt in Tangerhütte Mohnbabe, eine Art schlesische Stolle, auf den Tisch.

Seit gut fünf Jahren führt Spangenberg im Bund der Vertriebenen (BdV), Kreisverband Stendal, das Zepter, ihr ehrenamtliches Engagement in diesem Bereich hat schon deutlich früher begonnen. Die Zahl der Menschen, die Flucht und Vertreibung bewusst erlebt haben, nimmt ab, und nicht alle wollen sich auch organisieren. Einzelne Gruppen haben sich aufgelöst, die Vereinigten Landsmannschaften der Schlesier sowie Ost- und Westpreußen in Stendal ist vor einigen Monaten aus der Taufe gehoben worden. Die Kräfte sollen möglichst gebündelt sein. Irgendetwas an der deutschen Verantwortung für den Krieg zu relativieren, Geschichte zu knittern, das sei noch nie ihr Antrieb gewesen.

Als Weihnachten immer näher rückte, backte die Mutter in Schlesien Mohnbabe und Streuselkuchen. Der Vater besorgte den Baum. Am Nachmittag an Heiligabend ging es zum Gottesdienst in die Kirche. Im Elternhaus wurde der Tisch festlich geschmückt, in der Mitte stand ein Metallkreuz, das zuvor noch kräftig geputzt worden war. Es wurde aus der Bibel vorgelesen. Aufgetischt wurden Karpfen, Kartoffelsalat und Heringssalat. Zu den mindestens sieben verschiedenen Spezialitäten gehörte auch Motschka, wie sie in der Familie genannt wurde, eine ziemliche süße Suppe nicht zuletzt aus Pfefferkuchen, Rosinen und Mandeln. Spangenberg kocht sie selbst auch gern noch dieser Tage.

Russen waren „wie eine Schutzmacht“

Flucht und Vertreibung aus nun polnischen und tschechischen Gebieten möchte die Altmärkerin mit schlesischen Wurzeln nicht überzeichnet wissen. „Das Schlimmste haben jene erlebt, die dort geblieben sind“, ist sie im AZ-Gespräch überzeugt. Und bitte: „Solange die Russen in den Orten waren, wurde niemand groß angefasst. Sie waren sogar so etwas wie eine Schutzmacht für uns.“ Auch das vorherrschende Bild in Deutschland vom unterdrückten und gegängelten Vertriebenen in der DDR könne sie so nicht stehen lassen. „Dieser Staat war Mitglied des Warschauer Paktes, es waren Bruderstaaten, da konnte er nicht aus der Reihe tanzen und Vertriebene in den Vordergrund schieben, logisch, es ging um Frieden.“

An Heiligabend reichte die Mutter in Schlesien Mohnklöße, geschichtet auf einem Teller. Auch Heidelbeeren als Kompott gab es zum Nachtisch, Spangenberg mag sie und findet ihre zur passenden Zeit bei Schernebeck. An den Weihnachtsfeiertagen in Romanshof aß die Familie unter anderem auch Gans aus eigener Zucht, Rotkohl und Kartoffelklöße. Serviert wurde zudem eine Suppe, der Altmärkischen Hochzeitssuppe ähnlich, allerdings mehr mit Innereien und ohne Spargel und Hackbällchen. Die Vorfahren der Familie seien im 18. Jahrhundert in Schlesien angesiedelt worden, irgendwann sei es zum polnischen Namen Jurczyk gekommen. „Gesprochen wurde natürlich vor allem Deutsch.“

Gedanken wandern immer wieder in die schlesische Heimat

Corona brachte den Kalender der organisierten Heimatvertriebenen durcheinander. Ein Vortrag der Polizei über Prävention und der eines Heimatfreundes zu Rolandfiguren konnten noch stattfinden, die zentrale Veranstaltung des BdV Sachsen-Anhalt in Jeggeleben schon nicht mehr. Letztgenannte soll es dort nun am 19. Juni nächsten Jahres geben. Die Gruppe der Pommern aus Osterburg und Umgebung mit Renate Merten an der Spitze hatte im Frühjahr noch einen Ausflug unter anderem nach Osterwohle (Salzwedel) unternehmen können, Spangenberg und andere waren dabei. Überhaupt will die Tangerhütterin allen Mitstreitern und Unterstützern Danke sagen.

Immer wieder wandern ihre Gedanken in die alte Heimat. Der Baum war geschmückt mit Lametta sowie Kugeln und kleinen Vögeln aus Glas. Die Kinder bekamen Bücher, Brettspiele, Malzeug, Holzspielzeug und je eine Tüte, die mit Süßigkeiten, Apfelsinen und Nüssen gefüllt war. Ein halbes Jahr nach der letzten Weihnacht in Oberschlesien mussten sie auf Lkw steigen und dann in Züge. Wochenlang war die Familie unterwegs, sah einige Lager, erlebte Hunger, Schmutz und Elend und kam schließlich im Frühjahr 1946 in Salzwedel an. Danach ging es in einen kleineren Ort. Ein Leben voller Auf- und Umbrüche. Spangenberg heiratete, arbeitete als Lehrerin, wechselte nach Tangerhütte.

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