Zeuge im Landgericht: Bruder des verunglückten Dachdeckers erlebte tragischen Arbeitsunfall als Polier mit

Welcher Umstand führte zum Unglück?

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(Symbolfoto)

xp Stendal. Eine Bohle, die wenigstens auf einer Seite im Gerüst eingehakt ist, könne nicht einfach ohne Gewaltanwendung herausspringen. Diese Meinung vertrat einer der beiden Gerüstbauer, die in der vergangenen Woche im Zeugenstand saßen (AZ berichtete).

Die Bohle, die in der Gerüstkonstruktion fehlte, müsste also bewusst entfernt worden sein.

Aus dem Gericht

„Wir haben doch nichts verkehrt gemacht“, soll der Mann noch gesagt haben, der am 8. März 2011 an der Stefanskirche in Tangermünde von einem Gerüst gefallen war. Dies sagte sein Bruder, welcher an jenem Tag der Vorarbeiter unter den Dachdeckern war, am gestrigen dritten Verhandlungstag des Berufungsprozesses im Stendaler Landgericht noch einmal aus.

Jene Stelle, an welcher der Dachdecker 13 Meter in die Tiefe stürzte, sei seinem Bruder zuvor aufgefallen. Gerade weil die Bohlen, da länger als der Abstand zwischen den Gerüstteilen, dort auf den nächsten Bohlen aufgelegt gewesen seien. Eine Sicherung durch ein Gerüstseil, dass nach Angaben anderer Zeugen um die aufliegenden und die verankerten Bohlen darunter gewickelt gewesen sein soll, habe es nicht gegeben. Eine Latte habe zwischen den beiden Lagen an Bohlen gelegen, um eventuelles Kippeln zu vermeiden. Diese sei allerdings nicht, wie es während der ersten zwei Verhandlungstage zu hören war, durch Nägel mit den aufliegenden Bohlen verbunden gewesen, sondern mit den unteren.

Des Weiteren hätte es keine Nägel oder Schrauben gegeben, um das lose aufliegende Ende der Bohle mit der Unterlage zu verbinden – eine Aussage, die im weiteren Verlauf dann nicht mehr ganz zur Erinnerung des Zeugen passen wollte.

Fakt bleibt, dass zwei Jahre nach dem tragischen Unfall mit Todesfolge nun noch einmal alle Fakten zusammengetragen werden müssen. Im Gerichtssaal ließ der vorsitzende Richter Gundolf Rüge die Zeugen und die anwesenden Anwälte zu sich nach vorn kommen, um Fotos auszuwerten und Details aus den Zeugenaussagen am Bild nachvollziehen zu können. Die Nebenkläger sowie Angeklagten, der Geschäftsführer der Dachdeckerfirma, die Koordinatorin sowie der Chef des Malerbetriebes, zu dem die Gerüstbauer gehören, blieben am Platz. Ein normaler Prozess im Prozess. Bis der Chef des Malerbetriebes laut wurde. Dieser beschuldigte lautstark den Sachverständigen aufseiten der Anklage, gelacht zu haben. „Es geht hier um einen Menschen, hören Sie auf damit.“ Der Bausachverständige hatte gerade wieder Platz genommen, als sich die Anwälte zusammen mit dem Bruder des Verunfallten gerade noch Fotos ansahen. Der Dachdecker hatte gerade davon gesprochen, dass die Bohlen, die „nur auf einer Seite“ verankert waren, durchaus allein durch das Betreten hätten rausspringen können. Bewiesen ist dies allerdings noch nicht. Die Verhandlung geht weiter.

Zum Unfallzeitpunkt seien die Dachdecker gerade einmal rund zehn Minuten auf dem Dach der Stefanskirche gewesen. Dachlattung sowie eine Folie sollten abgenommen werden. Der Vorarbeiter stand am höchsten Punkt, sein Kollege etwas tiefer, um die Latten abzunehmen – „zehn Stück in drei Minuten“. Der Bruder sei zu diesem Zeitpunkt auf dem Gerüst gewesen, dessen Lauffläche zu diesem Zeitpunkt wohl schon beengt war. Denn „etwa 15 Dachlatten hatten wir schon runter und auf die eine Seite gestapelt.“ Das Holz, welches wiederverwendet werden sollte, hätte dann mit dem Lastenaufzug nach unten transportiert werden sollen. Doch dann passierte der Unfall. Stellte die Lattung eine Stolperquelle und damit auch Gefahrenquelle dar?

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