„Meile der Demokratie“ soll gesamtes Land erreichen / DGB fordert mehr Gewicht der politischen Bildung

„War kein radikaler Straßenkämpfer“

Die „Break Grenzen Crew“ reißt die Teilnehmer vor der Bühne mit. Polizei und Ordnungsamt haben an diesem Tag wenig zu tun, mit Ausschreitungen ist nicht zu rechnen. Ministerpräsident Haseloff unterstützt den „fairen Handel“, Oberbürgermeister Trümper isst am Stand der Muslimischen Gemeinde und DDR-Radfahrlegende Gustav-Adolf „Täve“ Schur zeigt sich auch. Etwa 100 Vereine, Verbände, Unternehmen und Kirchen haben sich laut Organisatoren an der neunten „Meile der Demokratie“ beteiligt. Das Zentrum Magdeburgs zu besetzen und so das Auftreten von Neonazis anlässlich des geschichtsträchtigen 16. Januar zu verhindern, ist das erklärte Ziel seit Jahren.
+
Die „Break Grenzen Crew“ reißt die Teilnehmer vor der Bühne mit. Polizei und Ordnungsamt haben an diesem Tag wenig zu tun, mit Ausschreitungen ist nicht zu rechnen. Ministerpräsident Haseloff unterstützt den „fairen Handel“, Oberbürgermeister Trümper isst am Stand der Muslimischen Gemeinde und DDR-Radfahrlegende Gustav-Adolf „Täve“ Schur zeigt sich auch. Etwa 100 Vereine, Verbände, Unternehmen und Kirchen haben sich laut Organisatoren an der neunten „Meile der Demokratie“ beteiligt. Das Zentrum Magdeburgs zu besetzen und so das Auftreten von Neonazis anlässlich des geschichtsträchtigen 16. Januar zu verhindern, ist das erklärte Ziel seit Jahren.
  • Marco Hertzfeld
    vonMarco Hertzfeld
    schließen

Magdeburg / Stendal. Wenn es denn eine Botschaft aus Magdeburg an die Regionen gebe, dann die, dass ein jeder seinen Beitrag leisten könne, egal wo. Als Lydia Hüskens noch im Landtag saß, fühlte sie sich für die Altmark zuständig.

Bei der „Meile der Demokratie“ durften die Liberalen ihr Zelt neben denen anderer Parteien aufschlagen, eines der AfD, deren Bundesvorsitzende an diesem Wochenende mit anderen Rechtspopulisten Europas in Koblenz über das Wahljahr 2017 sprach, war nicht darunter. Die Landeshauptstadt und das bürgerliche „Bündnis gegen Rechts“ hatten auch die neunte Auflage federführend organisiert. 8000 Teilnehmer sollen es gewesen sein, weniger als in den Jahren zuvor.

Der direkte Gegner im Kampf um die Deutung des 16. Januar 1945, als Magdeburg durch alliierte Bomber in Schutt und Asche gelegt wurde, ist verloren gegangen. Der sogenannte Trauermarsch von Neonazis und Gesinnungsgenossen scheint endgültig Geschichte. Die Szene habe andere Themen gefunden, wie Rechtsextremismus-Forscher David Begrich kürzlich in der AZ erläuterte. Oberbürgermeister Lutz Trümper, der im innerparteilichen Streit um die richtige Flüchtlingspolitik aus der SPD ausgetreten ist, freute sich über die vielen jungen Leute vor der Bühne und schreibt ins Merkheft: „Europa ist im Grunde genommen eine Riesenchance“, auch wenn es einige Mängel habe.

Der 16. Januar ließ Neonazis aus der Altmark und anderen Regionen alljährlich in die Hauptstadt pilgern. Für Landtagspräsidentin Gabriele Brakebusch (CDU), die das Amt im Sommer von ihrem Stendaler Parteifreund Hardy Peter Güssau übernommen hat, ist das Ende dieser Trauermärsche „eine wunderbare Sache“, das erste Mal könnten alle „ganz in Ruhe“ an die Toten erinnern. Wenn sich auch noch die „linke Szene“ daran hielte und „keinen Rummel“ veranstalte, wäre die Zeit „mehr denn je ein Tag des Gedenkens“. Autonome und Linksradikale ließen sich entlang der Breiten Weges nicht ausmachen. Auch über irgendwelche Störungen außerhalb des Stadtzentrums ist der Polizei nichts bekannt.

Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sieht in der neunten „Meile der Demokratie“ ein „Signal für das ganze Land und darüber hinaus“. Dass „Magida & Co.“, islamfeindliche Gruppen, in Magdeburg „friedlich zurückgedrängt“ worden seien, habe Bedeutung für ganz Sachsen-Anhalt. „Doch es wird kompliziert bleiben. Die Welt ist im Umbruch“, glaubt der Christdemokrat und verweist auf die USA. Der Deutsche Bundestag wird am 24. September gewählt. Politisch unruhige Monate scheinen programmiert. Im Internet wirbt Magida 2.0 für eine Veranstaltung mit schwarz-weiß-roten Fahnen am 25. März in Stendal unter dem Motto „Vereint für ein freies und souveränes Deutschland“.

Ilse Junkermann möchte die Sachsen-Anhalter fremdes Essen probieren sehen, vielleicht ja auch fern der Demokratie-Meile. „Empathie geht durch den Magen“, ist die Landesbischöfin der evangelischen Kirche überzeugt. Geschichte möge hingegen nüchtern betrachtet werden, sonst verschleiere es die Gegenwart und niemand sei „wachsam, wenn die Demokratie bröckelt“.

Susanne Wiedemeyer, stellvertretende DGB-Bezirksvorsitzende, fordert vom Land, die politische Bildung wieder in das Freistellungsgesetz zu bringen. Damit ließen sich „politische Werte“ in der Bevölkerung bekannter machen. Diskussionen über politische Entwicklungen und kritische Nachfragen gebe es natürlich auch in den Reihen der Gewerkschaften. Auch deshalb sei politische Bildung wichtig.

Es spreche im Moment mehr dafür als dagegen, dass es die Demokratie-Meile weiter geben sollte, egal, ob Neonazis marschieren oder nicht, so der Tenor. Die Großveranstaltung vom Winter in den angenehmeren Sommer zu verlegen, darüber sei bereits öfter gesprochen worden, Ende offen.

Stadtratsmitglieder erinnerten an Magdeburger Persönlichkeiten, die durch das Naziregime verfolgt wurden. Berichtet wurde unter anderem über Otto Baer, 1881 in Jerichow nahe Tangermünde geboren. Die Nationalsozialisten steckten den Sozialdemokraten ins Konzentrationslager. Nach dem Krieg war er kurze Zeit Magdeburgs Oberbürgermeister. Der Zwangsvereinigung von KPD und SPD soll er reserviert gegenübergestanden haben. Eine Anerkennung als Opfer des Faschismus sei ihm nicht gewährt worden. Für einige Wochen geriet er in sowjetische Haft. SPD-Fraktionschef Jens Rösler auf der Bühne: „Baer war kein radikaler Straßenkämpfer, er kam aus der Mitte der Gesellschaft.“

Von Marco Hertzfeld

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare