„Kann mehr helfen als schaden“

Vize-Landrat Gruber will ohne SPD-Parteibuch Amt verteidigen

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Erster Beigeordneter Dr. Denis Gruber zeigt den Wahlzettel für einen Urnengang im Mai 2019. Nun will er sich selbst erneut einer Wahl stellen.

Stendal – Natürlich wolle er Beigeordneter des Landkreises bleiben. „Und natürlich kann der Umstand, kein Parteibuch zu haben, am Ende sogar mehr helfen als schaden.“ Dr. Denis Gruber redet gegenüber der AZ nicht lange um den heißen Brei herum.

Sein Rücktritt aus der SPD, der er mehr als zwei Jahrzehnte angehörte, habe durchaus vielfältige Gründe. Dass der Vize-Landrat kein Sozialdemokrat mehr sein will, kam auch für manchen Genossen recht überraschend, dass dies nur ein halbes Jahr vor Ende der aktuellen Amtszeit passiert, vielleicht nicht unbedingt.

Bei allen beruflichen Überlegungen sei der Ärger über die Partei doch entscheidend. Dies möchte der Tangerhütter betont wissen. „Ich war Sozialdemokrat mit Herzblut. Doch meine SPD ist eine Partei der Mitte.“ Dass die Sozialdemokratie mit dem neuen Führungsduo auf Bundesebene einen Linksschwenk vollziehen wird, davon geht der Altmärker fest aus. Auch das Linksbündnis aus SPD, Grünen und Linken, das Parteikollegen Patrick Puhlmann zum neuen Stendaler Landrat getragen hat, scheint Gruber dann doch nicht ganz so geschmeckt zu haben.

Schon bei einer Übereinkunft zwischen SPD und Bündnisgrünen im Vorfeld der Landratswahl habe er sich unzureichend eingebunden gefühlt. „Dabei war ich doch immerhin stellvertretender Parteivorsitzender.“ Dass bei einer Klausurtagung am Wochenende erste entscheidende Weichen für personelle Veränderungen im Kreisverband gestellt wurden, passte ihm offenbar auch nicht. „So etwas bespricht man doch zunächst im engeren Vorstandskreis.“ Wenn Puhlmann zum März ins Landratsamt einzieht und sein Kreistagsmandat abgibt, könnte SPD-Kreischefin Juliane Kleemann die Fraktionsführung von ihm übernehmen, zudem will sie ja SPD-Landesvorsitzende werden. Als neuer Kreischef sei Jacob Beuchel im Gespräch.

Kleemann kommentiert die personellen Überlegungen auf Nachfrage nicht, die Abgabe des Parteibuches aber schon: „Die Erklärung von Dr. Denis Gruber aus der SPD mit sofortiger Wirkung auszutreten, hat mich überrascht.“ In einer Stellungnahme, die auch der AZ vorliegt, äußert er sich zu aus seiner Sicht stark geänderten Werten innerhalb der Sozialdemokratie in den vergangenen 20 Jahren, zum Zustand der Großen Koalition in Berlin und zur Neuausrichtung im Kreisverband. Kleemann ohne viel Pathos: „All dem könne er nicht mehr folgen.“

Die Amtszeit der insgesamt zwei Beigeordneten läuft im Juni aus. Über das Prozedere zur Wahl möchte der Kreistag heute einen Beschluss fassen. Die Option, ohne Ausschreibung zur Wahl auszukommen, scheint vom Tisch. Bei einer Ausschreibung und der Wahl im Kreistag im April würde sich Gruber wie andere auch um den Posten bewerben. „Und das will ich auch tun.“ Dazu passt noch ein Passus aus seiner Austrittserklärung: „Für mich hat das Parteibuch nie im Vordergrund gestanden.“

Mit der Wahl von SPD-Mann Puhlmann zum Landrat dürften einige Fraktionen das Machtgefüge dahinter ändern wollen. Ein Vize-Landrat von der SPD scheint, wenn überhaupt, nur schwer vorstellbar. Und auch das gehört dazu: Wegen des Durcheinanders in der Abfallwirtschaft musste Gruber in den vergangenen Monaten reichlich Kritik einstecken.

VON MARCO HERTZFELD 

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