„Verschwörungs-Zentrum“

Stendal - Von Thomas Mitzlaff. „Es gibt keine Anhaltspunkte, dass diese unheilvolle Entwicklung gestoppt wird. Vielmehr wird es eine weitere Enthemmung geben, durch die eine Gefährlichkeit für die Allgemeinheit heraufbeschworen wird.“ Bei diesen Worten des Gutachters schüttelt der Angeklagte Roland R. immer wieder mit dem Kopf, murmelt vor sich hin.

Doch ob er sich der Tragweite der Ausführungen überhaupt bewusst ist, erscheint zweifelhaft angesichts der wirren Sätze, die aus R. immer wieder herausplatzen. Dabei geht es hier um sein restliches Leben. Denn es ist möglich, dass der 68-Jährige nie wieder aus der geschlossenen Psychiatrie entlassen wird, in die ihn das Landgericht Stendal gestern schließlich am Ende des Prozesses einwies.

Roland R. führte zunächst ein unauffälliges Leben, doch dann vereinsamte er zusehends. Seine psychische Erkrankung machte sich zunächst in scheinbar wahllosen Beleidigungen von Mitmenschen bemerkbar. Doch irgendwann blieb es nicht mehr bei verbalen Scharmützeln. Diesmal war der Rentner angeklagt, weil er einen Nachbarn mit einem langen Küchenmesser bedrohte, einem anderen Dorfbewohner Reizgas ins Gesicht sprühte und einem weiteren Nachbarn mit voller Wucht mit einem Hammer auf den Kopf schlug – das Opfer hatte großes Glück, dass es keine schwerwiegenden Schädelverletzungen, sondern nur eine Platzwunde davontrug.

Roland R. hatte sich in dieser Zeit zu einer tickenden Zeitbombe entwickelt, massiver Alkoholmissbrauch verschärfte seine Ausfälle noch. Gutachter Dr. Joachim Witzel, Ärztlicher Direktor des Landeskrankenhauses Uchtspringe spricht von fünf Flaschen Schnaps in der Woche, „40-prozentiger reichte ihm schließlich nicht mehr, er benötigt 54-prozentigen Rum“. Bei Alkoholwerten von über 2,5 Promille beging R. einen Teil der Taten, mittlerweile leide er unter einer unheilbaren hirnorganischen Veränderung, einem wahnhaften Erlebnisdrang und einer krankhaften seelischen Störung. „Er sieht sich im Zentrum einer Verschwörung, dadurch kommt es immer wieder zu Konflikten“, schildert Witzel.

Therapiewillig sei der Angeklagte nicht, die Spirale aus Alkohol und psychischer Erkrankung lasse immer heftigere Attacken auf ahnungslose Nachbarn befürchten. Der angekündigte Umzug von Roland R. nach Berlin ändere daran nichts, so der Gutachter: „Die Bühne ist dann eine andere, das Stück bleibt aber das gleiche.“

Feststellungen, die auch die Verteidigerin beeindruckten. Sie zeigte sich sprachlos, verzichtete auf eine Strafforderung. Der Angeklagte kündigte daraufhin in seinem letzten Wort an, mit einem neuen Rechtsanwalt in Revision zu gehen – schließlich sei er ein unbescholtener Bürger.

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