Bahn lässt für letztes Jahr Farbkreise aufbringen

Vernachlässigte Röxer Röhre in Stendal: Tunnel zum Ende noch aufgehübscht

Der Röxer Tunnel führt zu den Bahnsteigen und verbindet den Bahnhofsvorplatz mit der Lüderitzer Straße. Die Röhre ist noch einmal größer gereinigt und an den Wänden mit spezieller Folie versehen worden, auf denen Kreise haften.
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Der Röxer Tunnel führt zu den Bahnsteigen und verbindet den Bahnhofsvorplatz mit der Lüderitzer Straße. Die Röhre ist noch einmal größer gereinigt und an den Wänden mit spezieller Folie versehen worden, auf denen Kreise haften.

Stendal – Die Frau hat es eilig, ihr Zug wartet nicht. Dennoch bleibt sie mit den Augen immer wieder an einem der Kreise hängen. „Das ist ja interessant“, sagt sie und will bei ihrer Rückkehr alles genauer betrachten.

Ein Ehepaar hat noch einige Minuten bis zur Abfahrt, beide lesen sich einander immer wieder Geschichtsdaten vor.

Da habe sich doch jemand richtig Mühe gegeben, meinen sie. Der Röxer Tunnel des Hauptbahnhofes Stendal ist aufgehübscht worden. Die Deutsche Bahn hat die Wandfliesen durchgehend mit Folie bekleben und darauf 60 Kreise und mehr in den verschiedensten Farben verteilen lassen. Bis 2021 bleibt die Zeitreise erhalten, dann soll die Röhre geschlossen werden.

Der Um- und Ausbau des Bahnhofs läuft auf Hochtouren. Solange der neue Haupttunnel zu den Bahnsteigen gesperrt ist, läuft fast alles über den Röxer Tunnel. „Wir haben eine Übergangslösung mit überschaubarem Aufwand schaffen wollen“, sagt Wolfgang Mittwoch vom Berliner Gestaltungsbüro der Bahn. „Die vielen Menschen werden noch ein Jahr hindurchgehen. Die 110 Meter hin und die 110 Meter zurück sind bis dahin belasteter als vorher.“ Einen fünfstelligen Betrag habe sich die Bahn das Ganze kosten lassen. Der Röxer Tunnel, 1912 geschaffen, hat einen eher schlechten Ruf. Reisende schimpfen über Unrat, Uringestank und mattes Licht. Eine Sanierung gelang all die Jahre nicht.

Der Ein- und Ausgang an der Lüderitzer Straße könnte mit der Tunnelschließung 2021 verschwinden.

Die alte Röhre hat sich verändert, eine wirkliche Schönheit wird sie aber auch auf ihre letzten Tage und Monate nicht, dafür wäre mehr nötig. Das weiß auch Michael Trösken und ist dennoch erst einmal glücklich. „Es wurde Aufmerksamkeit geschaffen, die bunte Mischung an Eindrücken und Daten interessiert nicht allein Eisenbahnfreunde.“ Der Stendaler selbst ist ein großer Eisenbahnfan und verfügt über einen beachtlichen Bestand an historischen Dokumenten. Dass er mit seiner Grafikfirma das Projekt umsetzen helfen durfte, sei natürlich noch einmal besonders schön gewesen. Dass die frisch gestalteten Wände von den wilden Graffiti-Sprühern verschont bleiben, darauf hofft Trösken sehr.

1232 wurde Stendal erstmals urkundlich als Münzstätte erwähnt, 1870 die Bahnstrecke Stendal – Salzwedel eröffnet. 1901 gründete das Eisenbahnwerkstättenamt eine erste eigene freiwillige Feuerwehr. Seit 2012 kümmert sich wieder eine Bahnhofsmission um Gäste. Diese und weitere Daten sind zu finden, eine Mischung aus wichtigen Ereignissen der Stadtgeschichte und der Bahnhistorie. „Da ist für jeden etwas dabei, man lernt etwas und alles zusammen ist ein echter Hingucker“, ist Trösken im AZ-Gespräch überzeugt. Bei der Auswahl und fachlichen Absicherung der Geschichtszahlen für den Röxer Tunnel hätten das Stadtarchiv und dessen Leiterin Simone Habendorf maßgeblich geholfen.

Trösken denkt übrigens nach wie vor an eines der beiden Tunnelhäuschen. Das alte Fachwerk auf dem Bahnhofsvorplatz soll unbedingt erhalten bleiben, egal, ob das der Denkmalschutz sowieso festschreibt oder nicht. Wenn die Unterführung in absehbarer Zeit verfüllt sei, könnte vielleicht eine kleine Bahnausstellungshalle entstehen (die AZ berichtete). „Das Projekt ist weiterhin möglich, es ist nicht gestorben“, beteuert der Altmärker. Federführend könne und wolle er nicht sein. Ein Architekt, der schon an der Sanierung des Platzes beteiligt gewesen sei, gehe voran. Vielleicht entstehe ja eine feste Interessengemeinschaft oder Ähnliches. Von der Stadt kämen positive Signal. VON MARCO HERTZFELD 

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