Jens-Uwe Gehricke hängt in Wilhelmshof und Umgebung Fotos auf

Seit 2015 vermisst: Ingas Vater macht Ermittlern Druck

Jens-Uwe Gehricke und Unterstützer bringen in Uchtspringe und Umgebung Fotos der vermissten Inga an.
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Jens-Uwe Gehricke und Unterstützer bringen in der Altmark Fotos von Inga an. Das Mädchen aus dem Salzlandkreis gilt seit über sechs Jahren als vermisst. Die Ermittlungsbehörden tappen ganz offensichtlich nach wie vor im Dunkeln.
  • Marco Hertzfeld
    VonMarco Hertzfeld
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Ingas Vater lässt nicht locker. Jens-Uwe Gehricke fordert im Interview mit der Altmark-Zeitung in Stendal verstärkt neue Ermittlungen in anderer Hand. Von dem Mädchen fehlt seit Mai 2015 jede Spur.

Stendal – Seit sechs Jahren scheint Inga aus Schönebeck bei Magdeburg wie vom Erdboden verschluckt. Jens-Uwe Gehricke ist zum Geburtstag seiner Tochter ins altmärkische Wilhelmshof gekommen und bekräftigt seine Forderung, alles neu aufzurollen. Und: Der Schlüssel zur Lösung des mysteriösen Falls liegt für ihn in der Region selbst. Erst vor Kurzem hatten die Stendaler Ermittlungsbehörden in der AZ ihre Arbeit verteidigt. Der 52-Jährige will sich mit dem Verschwinden Ingas nicht abfinden und hofft auf den entscheidenden Hinweis, der ihm sein Kind zurückbringt.

Wo ist Inga, wer hat sie gesehen? Auch dieses bislang unveröffentlichte Foto von Inga soll den vielleicht entscheidenden Hinweis in dem Fall liefern helfen.

Sie sind vor wenigen Tagen in der Altmark gewesen, warum?
Ja, ich war am 18. August in der Altmark, genauer gesagt, in Uchtspringe und auf dem Wilhelmshof. Es war der 12. Geburtstag meiner Tochter Inga und ich wollte an diesem Tag genau dort an sie denken, wo ich sie zum letzten Mal gesehen und erlebt habe.

Was genau haben Sie wo denn gemacht?
Ich habe ein bisher unveröffentlichtes Foto aus dem Jahr 2014 von Inga verbreitet und auch Blumen und eine Kerze mitgebracht. Dies habe ich am Wilhelmshof hinterlassen und in Gedanken Inga zu ihrem Geburtstag gratuliert. Weiterhin wurden an verschiedenen Stellen in Uchtspringe Fotos mit Inga verteilt und angebracht, an und in Geschäften und öffentlichen Stellen wie Bushaltestellen, Bahnhof, bei der freiwilligen Feuerwehr und selbst am Maßregelvollzug.

Wie sind Ihnen die Menschen begegnet?
In den Geschäften wurden natürlich die Verantwortlichen um Erlaubnis gebeten und die Bereitschaft dazu war überall groß. So kam ich auch mehrfach mit diesen kurz ins Gespräch und die Anteilnahme und die Erinnerung an den Mai 2015 hat mich sehr beeindruckt.

Von dort ist es nicht weit bis in die Kernstadt Stendal, wo Polizei und Staatsanwaltschaft sitzen. Was ist dort passiert?
In Stendal wollte ich ein Foto von Inga in der dortigen Polizeidienststelle anbringen, was mir aber verwehrt wurde. Daher habe ich das Foto an einem öffentlichen Platz gegenüber der Polizeidienststelle angebracht. Auch vor der Staatsanwaltschaft in Stendal wurde ein Foto von Inga hinterlassen.

Wer hat Sie an diesem Tag begleitet und warum?
Ich wurde an diesem Tag von guten Freunden begleitet, die mich seit Jahren und völlig selbstlos dabei unterstützen, das Verschwinden meiner Tochter aufzuklären. Namen werde ich hier nicht nennen.

Was erhoffen Sie sich von dieser Aktion?
In erster Linie war mir wichtig, an diesem Tag meiner Tochter Inga nahe zu sein. Schließlich war es ihr 12. Geburtstag. Ich will aber auch darauf aufmerksam machen, dass nach mittlerweile mehr als sechs Jahren das Verschwinden von Inga immer noch nicht aufgeklärt ist, und es ist ein Versuch, genau das auch in den Blick der Öffentlichkeit zu bringen. Deshalb hab ich mich ja auch bereit erklärt, dieses Interview zu führen.

Inwieweit wussten Polizei und Staatsanwaltschaft von Ihrer Aktion?
Eine Absprache mit der Polizei und der Staatsanwaltschaft zu meinem Besuch in Uchtspringe und auf dem Wilhelmshof gab es durch mich nicht. Ich fand es auch nicht notwendig, da ich ja einen Privatbesuch anlässlich des Geburtstages von Inga vorhatte.

Ihre ehemalige Ehefrau und Sie haben den Behörden zunehmend den Vorwurf gemacht, nicht ausreichend zu unternehmen. Warum eigentlich?
Ich weiß aus eigenem Erleben, dass nach dem Verschwinden von Inga alles Menschenmögliche und -unmögliche unternommen wurde, um sie zu finden. Und dafür bin ich auch sehr dankbar und habe eine große Hochachtung gegenüber der Arbeit, die durch die ermittelnden Behörden dort geleistet wurde. Aber der Stand der Ermittlungen, wie er sich mir heute darstellt, ist immer noch der aus dem Jahr 2017.

Was meinen Sie damit?
Als im Sommer vergangenen Jahres das Verschwinden von Inga im Zusammenhang mit einem anderen Fall wieder in den Blick der Öffentlichkeit und der Behörden geriet, hatte ich große Hoffnung, doch nun bald Gewissheit zu erlangen. Diese Hoffnung hat sich leider nicht erfüllt und meine Enttäuschung darüber kann sicher jeder nachempfinden. Die Ausführungen der Polizei und Staatsanwaltschaft, dass dieser andere Fall nicht mit dem Verschwinden von Inga in Zusammenhang gebracht werden kann, habe ich zur Kenntnis genommen, aber ein Aber bleibt.

Sie spielen an auf den Fall Maddie, das Mädchen verschwand 2007 in Portugal. Die Stendaler Ermittler sehen keinen Zusammenhang. Inwieweit geht Ihre Kritik tiefer?
Auch den immer wieder mal gemachten Erklärungen, dass der Fall nicht zu den Akten gelegt wird und der Ermittlungsstand neu bewertet wird, kann ich keinen Glauben schenken, weil, wie gesagt, sich das seit 2017 immer wiederholt.

Polizei und Staatsanwaltschaft stochern offensichtlich im Nebel. Was fordern Sie ganz aktuell von den Verantwortlichen?
Ich bin mir sicher, dass in den Ermittlungsakten eine Menge Fragezeichen existieren, deren Beantwortung möglicherweise zur Klärung beitragen können. Nur sehe ich nicht, dass sich jemand genau dieser Aufgabe widmet. Und das ist eine meiner Forderungen.

Auf den Punkt gebracht: Was könnten andere Ermittler und das Landeskriminalamt in Magdeburg besser machen als die Kollegen in Stendal?
Ich weiß, dass das LKA in Magdeburg von Anfang an in die Ermittlungen eingebunden war, aber die Hauptverantwortung bei den Ermittlern in Stendal lag und liegt. Ich weiß nicht, ob die Ermittler vom LKA es besser machen, aber vielleicht anders und sie werden auf die Fragezeichen stoßen und sie hoffentlich beantworten können.

Was meinen Sie, warum ein Wechsel der Zuständigkeit bislang verweigert worden ist?
Meines Wissens ist für die Ermittlung die Staatsanwaltschaft Stendal zuständig und nur sie kann neue Ermittlungen in Gang setzen und das unabhängig von der polizeilichen Zuständigkeit. Nur erweckt sich mir der Eindruck, dass bei der Staatsanwaltschaft Stendal niemand ambitioniert genug ist, genau das zu tun.

Welche Rolle könnte die Kategorie Zeit und der viel beschworene Kommissar Zufall in diesem Fall spielen?
Nach so langer Zeit glaube ich nicht an Zufallsaufklärung. Und Zeit ist reichlich ins Land gegangen.

Wo sehen Sie momentan Punkte, an denen die Ermittler ansetzen sollten?
Ich glaube nicht an den großen Unbekannten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand in die Abgeschiedenheit des Wilhelmshofes kommt, um ein Kind zu entführen. Die Anzahl der Personen, die damals wussten, dass wir den 2. Mai 2015 auf dem Wilhelmshof verbringen, ist recht klein. Und die Anzahl der Personen, die wussten, dass wir noch bis zum Abendessen bleiben, obwohl wir ursprünglich zum Abendessen wieder zu Hause sein wollten, nochmals wesentlich geringer. Ich denke, dass das Verschwinden von Inga mehr mit dem Wilhelmshof verwoben ist, als es den Anschein hat.

Zuletzt in einem Interview mit dem „Stern“ vor gut einem Jahr haben Sie weder einen Unfall, der vertuscht wurde, noch eine Entführung, eine Sexualstraftat oder einen andern Gewaltakt ausgeschlossen. Inwieweit hat sich dieses Bild geändert?
Ich halte nach wie vor alles das für möglich. Aber die Tatsache, dass in mehr als sechs Jahren nichts von Inga gefunden wurde, auch eben nichts zufällig, lässt mehr und mehr den Gedanken wachsen, dass sie doch noch irgendwo ist.

Wenn Ihre Tochter noch irgendwo in der Region sein sollte, was könnte helfen?
Dass es jemanden in der Region gibt, der sich traut etwas, was er bisher verheimlicht hat, doch noch preiszugeben.

Sie sind ein Stück weit anders als Ingas Mutter früh vom Schlimmsten ausgegangen. Wie sehr braucht Ihre Familie endlich Gewissheit und worauf hoffen und setzen Sie?
Die Ungewissheit ist das Schlimmste und damit lebe ich jetzt schon so lange. Manchmal frage ich mich selbst, wie ich das eigentlich schaffe. Aber ich bin ja nicht allein und dafür bin ich sehr dankbar. Ich setze auch darauf, dass durch dieses Interview daran erinnert wird, dass das Verschwinden von Inga noch nicht geklärt ist, und dass damit möglicherweise das öffentliche Interesse mit zur Aufklärung beiträgt. Ich habe eine Kriminologin aus Sachsen-Anhalt um Mithilfe gebeten und mit ihr stehe ich seit Längerem in einem sehr guten Kontakt. Auch sie ist der Auffassung, dass es hier keinen unbekannten Täter gibt. Ich darf sie an dieser Stelle einmal zitieren: „Da das Zeitfenster des Verbringens von Inga extrem kurz war, könne ein vorausgegangener Planungsgrad von Personen, die bereits vor Ort waren, nicht ausgeschlossen werden.“

Auf einen Blick - der Fall Inga:
Die fünfjährige Inga aus dem Salzlandkreis verschwand am 2. Mai 2015 während eines Familienausflugs im Diakoniewerk Wilhelmshof. Mindestens 1000 Polizisten, Feuerwehrleute und Helfer suchten nach dem Kind. Ganze Waldgebiete um Wilhelmshof, das zur Stendaler Ortschaft Uchtspringe gehört, wurden durchkämmt. Hubschrauber stiegen auf, Lautsprecherwagen fuhren die Gegend ab. Die Fahndung lief bundes- und europaweit. Die Anteilnahme in der Altmark und darüber hinaus war groß. Im Laufe der Jahre gingen mehr als 2100 Hinweise bei der Polizei ein, keiner half ganz offensichtlich wirklich weiter. Im Frühjahr 2021 hieß es von den Ermittlungsbehörden, dass vorhandene Spurenakten nochmalig gesichtet und ausgewertet würden. 

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