Von Woche zu Woche

Der Verlierer ist das Handwerk

Ulrike Meineke

Ist es wirklich richtig, die Eltern darüber entscheiden zu lassen, ob ihr Kind nach der Grundschule auf ein Gymnasium geht oder nicht? Nicht nur die Handwerker im Landkreis Stendal haben starke Zweifel daran..

Sie beklagen einen Mangel an Handwerkern und führen das auch darauf zurück, dass heutzutage jeder Abitur machen und studieren kann – ob er intellektuell dazu in der Lage ist oder nicht. Sie prangern damit das Schulsystem in Deutschland an. Zu recht?

Auch die Berufsschulen spüren die Folgen der freien Schulwahl. „Es will einfach keiner mehr in die handwerklichen Berufe einsteigen“, beklagte Lothar Bätz, Leiter der Berufsschule I in Stendal, in dieser Woche, als er die geplante Fusion der Berufsbildenden Schulen I und II in Stendal zum Schuljahr 2017/18 ankündigte. Kaum jemand wolle noch Metallbauer, Maurer, Dachdecker oder Tischler werden. Die Handwerksbetriebe finden keine Auszubildenden – ausgebildete Handwerker schon gar nicht.

Betrachtet man sich die nackten Zahlen, so ist das kein Wunder: 57 Prozent der Viertklässler im Landkreis Stendal wechseln auf ein Gymnasium, beginnen nach dem Abitur in der Regel ein Studium. Wenn es in einer Branche zu viele studierte Leute gibt, sinken dort die Löhne – etwa bei den Psychotherapeuten. Die in Stendal studierenden, angehenden Psychotherapeuten haben wegen der miesen Bezahlung während ihrer Ausbildung demonstriert.

Im Gegensatz fehlen dem Handwerk die Handwerker. Und wenn die altgedienten Handwerker jetzt sagen, dass die Psychotherapeuten als erfolgreiche Handwerker besser verdienen könnten, dann ist das nicht von der Hand zu weisen.

Aber die Jugend weiß ja gar nicht, was Handwerk ist. Wenn sie in einen Beruf hineinschnuppert, dann in der Regel nicht in einen handwerklichen. Handwerk – das klingt für die Jugend nach schwerer körperlicher Arbeit, nach frühem Aufstehen. Das kann man vermeiden, wenn man Abitur macht und irgendwas studiert. Für viele ist es einfach keine Alternative, im Handwerk, das ja bekanntlich goldenen Boden hat, Geld zu verdienen. Die Jugend heutzutage will sich nicht krumm machen.

Ob die von den Handwerkern im Landkreis angeregten Praktika die Lösung sind? Schon in der Grundschule, spätestens aber in der Sekundarstufe sollten die Kinder und Jugendlichen in handwerkliche Berufe schnuppern um festzustellen, dass diese Branche eigentlich ganz cool ist. Findet die Jugend handwerkliche Berufe wirklich cool?

Das Problem ist vielschichtig. Es beginnt in der Erziehung, in der Einstellung zu Arbeit generell. Das deutsche Bildungssystem tut sein Übriges. Da aber jeder nur bis zu seinem Tellerrand guckt, können die Handwerker noch so viel Alarm schlagen. Jeder Politiker nimmt die Kritik für sein Ressort mit. Aber aus einem Teller allein wird keine runde Mahlzeit.

Von Ulrike Meineke

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